„Infiziert“ von Elenor Avelle

Holy Moly, selten hat mich ein Roman, vor allem ein Zombieroman, mit so gemischten Gefühlen zurückgelassen. Aber alles der Reihe nach.

elenor-avelle-infiziert-e-book-coverGrob gesagt haben wir es hier mit einem YA-Zombie-Action-Roman zu tun, zumindest würde ich es so einordnen. Die Zombies ähneln dabei sehr denen aus der „28“-Reihe und auch die Erklärung ist ähnlich (das sind übrigens alle keine Spoiler, sondern Facts, die rundum die Veröffentlichung auf diversen Blogs veröffentlicht wurden), was ich generell nicht schlecht finde. In diesem apokalyptischen Szenario folgen wir Charlie durch ihren Alltag – grob gesagt, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Grob kann man verraten, dass ziemlich genau die Hälfte des Romans eine Einführung der Welt ist, die aber schon mit der eigentlichen Haupthandlung in der zweiten Hälfte verknüpft ist.

Positiv

Wie es sich für einen guten Zombieroman gehört, bekommt man am Anfang gleich jede Menge Charaktere um die Ohren geworfen – die gute alte Überlebendentruppe + eine weitere. Und nein, ich fange auch hier wieder mit dem Positiven an, weil es der Autorin tatsächlich gelungen ist, die Charaktere so spezifisch auszugestalten, dass man sie sehr schnell auseinanderhalten kann – und ich tue mich echt schwer mit Namen. Dennoch wirken sie an einigen Stellen, besonders die Hauptfigur Charlie, etwas zu prototypisch – besonders die Frauen, die alle irgendwie gutaussehend sind, perfekte Körper haben usw., während die Herren der Schöpfung etwas divergenter daherkommen.

Man kommt schnell in den Stil rein, der keine Ecken und Kanten hat, wie es sich für das Genre gehört, und somit echte Pageturnerqualitäten besitzt, wofür auch der in meinen Augen außerordentlich gut gelungene Spannungsbogen (eigentlich sind es mehrere, die in sich abgeschlossen sind) sorgt, der auch für mich der größte Pluspunkt ist, auch wenn gerade der Showdown für mich ein wenig zu vorhersehbar und „weichgespült“ war. Weiterhin gefällt mir, dass sich, wie erwähnt, Elenor Avelle den halben Roman Zeit nimmt, ihre Welt und die Charaktere einzuführen, ohne dass es in Infodump ausartet oder „planlos“ im Sinne der Hauptstory wirkt.

Später im Roman sind auch bioethische Probleme ein Thema, die sich schon in unserer Gegenwart ergeben, sodass man durchaus konstatieren kann, die Autorin auch eine „Moral“ in die Geschichte legt, was in dem Genre keine Selbstverständlichkeit ist.

Negativ

Kommen wir nun zu den Dingen, die mir nicht gefallen haben. Die Welt wirkt ein bisschen aus „28“, „The Walking Dead“ und „X-Men“ zusammengesetzt. Und irgendwie funktioniert es zwar, aber es ergeben sich ein paar Logiklücken, oder manches passt einfach nicht zusammen oder wirkt übertrieben. Zum Beispiel sind die Zombies „warm“, also haben anscheinend einen Stoffwechsel und sterben wie normale Menschen („28″ eben“), aber im Gegensatz dazu verhungern sie nach 9! Jahren nicht, können zwar Steine werfen und Waffen benutzen, aber keine Türen öffnen. Elenor Avelle schreibt auf ihrem Blog, dass sich die Handlung in Berlin abspielt, was im Roman aber nicht thematisiert werden. Dennoch haben die Figuren zu mindestens 75 % englische Namen, was mir bei allem Hipstertum doch ein wenig übertrieben für Berlin scheint, gleichzeitig benutzen sie Wendungen wie „Waidmanns Heil“ usw.  *Spoiler!* „Too much“ sind mir die Invitros mit ihren Spezialfähigkeiten, es wirkt ein bisschen so, als wenn noch unbedingt irgendetwas Besonderes oder Eigenständiges in die Geschichte musste, um sich hervorzuheben (was der Roman aber eigentlich nicht nötig hätte). *Spoiler Ende* Ich möchte hier aber einräumen, dass das Zombiegenre an sich eigentlich immer einen gewisse Suspencion of disbelief erfordert und es hier auch nicht schlimmer als z.B. bei the Walking Dead ist, deswegen fällt dieser Punkt in der Gesamtbewertung nicht so schlimm daher, wie es vielleicht bis jetzt wirken mag.

Viel mehr stört mich die Liebesgeschichte im Roman. *Achtung! Hard Spoiler!* Die knallharte Amazone Charlie benimmt sich plötzlich wie ein naives Mädchen, als Liam auftaucht. Sie verfällt ihm sofort, stellt keine kritischen Fragen, warum ihre Freunde draußen sterben mussten, während die Invitros im Schlaraffenland leben usw. Liam mag ich als Figur überhaupt nicht; er wirkt auf mich eher ein wenig creepy, besessen und besitzergreifend, erinnert mich auf sehr unangenehme Weise an Cristian Grey aus Shades of Grey.*Spoiler Ende*

Damit geht einher, dass Sex, Liebe, Leidenschaft und Beziehungen zwar viel Raum im Roman einnehmen, aber irgendwie kein Gefühl (zumindest für mich) rüberkommt, da z.B. die Sexszenen nicht wirklich ausgestaltet werden, obwohl vor allem am Anfang gefühlt jedes Kapitel mit einer schließt. Die einzige Ausnahme ist für mich hier Raffael, in dessen Trauer, Schmerz und Verlustangst ich mich hineinversetzen konnte.

Fazit

Damit kein falscher Eindruck entsteht:  Die negativen Punkte überwiegen insgesamt für mich nicht, sie sind nur komplexer zu beschreiben, deswegen sind sie für mich nicht wichtiger.

Unterm Strich bleibt für mich ein solider Zombieroman, der vieles richtig macht, aber auch einiges falsch. Wer eine grenzenlos logische Welt erwartet, ist im Zombiegenre generell falsch, trotzdem wird die erwähnte Suspencion of disbelief hier schon arg strapaziert. Und ja, an einigen Stellen hapert es auch ein wenig an der Kommasetzung, aber das ist alles auch nicht dramatischer als bei anderen zeitgenössischen Werken (auch Verlagsromanen!!!) und stört, hier sind wir beim wichtigstens Punkt meines Fazits, nicht das Lesevergnügen. DME1VtCX0AE0w-I.jpg large

Denn obwohl ich hier viel pedantisch und pseudoelitär rumgemotzt habe, habe ich „Infiziert“ gerne und schnell gelesen und freue mich auf eine Fortsetzung. Empfehlen würde ich den Roman vor allem Neulingen im Zombiegenre; Kennern eher nicht, Liebhaber werden aber hier kurzweilige Unterhaltung finden. Eine persönliche Altersempfehlung würde ich ab 14 Jahren ansetzen.

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