Die Zoologieprüfung

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»Ich frage mich, woher sie die ganzen Toten haben, Honey.« Barbi blies den blauen Dunst ihrer Zigarette aus und die nur indirekt gestellte Frage verharrte in der Luft zwischen uns beiden. Ich aschte ab und ließ meinen Blick über die ausgedehnte Uferpromenade der Leine schweifen. Der Fluss war die Lebensader der Metropole, des Molochs Göttingen. Eine Stadt, die nie schläft, die nie vergisst. Sie hatte die bevorstehende Zoologieprüfung gemeint. Das ganze Semester über sezierten wir Woche für Woche bedauernswerte Kreaturen aus der Tierwelt – angefangen bei den niedrigsten Geschöpfen bis hin zu den Säugetieren – und zum Abschluss sollten wir der Krone der Schöpfung, dem Menschen, seine innersten Geheimnisse entreißen. Meine Hand führte die weiße, mit Dekor versehene Kaffeetasse an meinen Mund und ich trank vorsichtig von der braunen bitteren Flüssigkeit, die heiß in meiner Kehle brannte. Ich stellte die Kaffeetasse wieder auf den Unterteller und beobachtete Barbi; sie hatte mir im Sitzen ihre Seite zugewandt, die Beine unter ihrem schwarzen langen Faltenrock überschlagen, der in eine mitternachtsfarbene Korsage überging. Ihr ebenmäßiges, wohlgefälliges Gesicht lag halb im Schatten unter der Hutkrempe ihres Zylinders, während der Wind mit einzelnen Strähnen ihres dunklen Haares spielte. Ich antwortete: »Vermutlich irgendwelche Unfallopfer oder Krankheitsfälle, von denen sie die Organe nicht mehr verwerten konnten.« Sie nickte. »Wahrscheinlich«, sagte meine Freundin leise vor sich hin und nahm einen weiteren Zug von ihrer Zigarette. Mit einem leisen, bedauernden Seufzer erhob ich mich, strich den Cordrock glatt, der die Farbe von Umbra hatte, und legte einen Schein auf den Tisch, klemmte ihn unter die Untertasse. »Bis morgen«, sagte ich. Sie nickte.

Ich blinzelte gegen die tiefstehende Frühlingssonne an. Die Rüschen meiner weißen Bluse bewegten sich leicht im stetigen Luftstrom, den der kommende Abend mit sich brachte. Die Frage von Barbi hielt sich hartnäckig in meinem Kopf. Auch wenn meine Antwort logisch und naheliegend war, fühlte sie sich nicht richtig an. Als ob sie gefragt hätte, was zwei plus zwei sei, und ich mit »fünf« antwortete. Ich bog in die gepflasterte Seitengasse ein, um ihn zu sehen. Dabei nahm ich ein braunes Lederband aus meiner Umhängetasche und band meine goldfarbenen Haare zusammen. Im Schatten zwischen den Häusern war es wesentlich kälter als auf der weiten Uferpromenade gewesen und augenblicklich bereute ich es, keine Jacke mit mir genommen zu haben. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und eilte mit schnelleren Schritten meinem Liebsten entgegen.

Eine helle Glocke klingelte, als ich den Apothekerladen betrat. Es roch scharf nach getrockneten Gewürzen und Desinfektionsmitteln. Der Geruch wirkte so unlebendig und lebensfern, dass es mir beinahe seltsam vorkam, dass hier Heilmittel, die das Leben erhalten sollten, verkauft wurden. Mein Alchemist kam aus einem abgetrennten Bereich hinter der Ladentheke hervor und strahlend auf mich zu. Als er näherkam, hörte ich das Rascheln seines weißen Kittels, der zu seiner Profession gehörte. Mit Herzklopfen und einem Gefühl der Wärme, das sich in mir Ausbreitete, sah ich in sein wohlgeformtes Gesicht, das von roten Haaren eingerahmt wurde, während auf seiner Nase ein dezenter Zwicker ruhte, der seinem Antlitz noch eine strenge, gebildete Note hinzufügte. Ich ließ mich in seine Arme fallen und beugte mich so zu ihm hin, dass sich unsere Lippen trafen. Ein Kribbeln durchlief meinen Körper, das sich über meinen gesamten Körper ausbreitete, meinen Unterleib pochen und meine Knie weich werden ließ. »Du sollst arbeiten und dich nicht mit dem Weibsvolk verlustieren!«, keifte die Stimme des Ladenbesitzers Dr. Krankenschreck vom Kassenbereich her. Lachend löste ich mich von meinem Alchemisten und verließ das Geschäft. »Bis nachher!«, hauchte ich ihm entgegen, bevor ich die Ladentür schloss.

Abends im Schein der Gaslaterne hatte ich noch immer Barbis Worte nicht vergessen können. Ich sah auf meine Aufzeichnungen und Unterlagen aus den vergangenen Sezierstunden und konnte mich nicht konzentrieren. Frustriert warf ich den Federkiel auf den Schreibtisch und hüllte mich in einen langen, schweren Mantel, der die Farbe reifer Pflaumen im August hatte. Als Kopfbedeckung wählte ich eine Deerstalker-Mütze und zum Rauchen die Pfeife. Die Straßen rundum mein beschauliches Anwesen wirkten verwaist, die Straßenlaternen gaben sich jedoch alle Mühe, die Dunkelheit zu vertreiben, und einige Straßen weiter pfiff  ein Nachtwächter vor sich hin. Ich schaute auf meine Taschenuhr. Zwanzig Uhr dreißig; zu dieser Stunde waren nur noch wenige gottesfürchtige Göttinger unterwegs. Je näher ich der Bibliothek und dem angeschlossenen Zeitungsarchiv kam, desto mehr Nebel zog auf, den ich durch meine Pfeife nur noch verstärkte – ein Trick, um Verfolger abzuschütteln oder sie zum Husten zu bringen. Wenn ich geschäftlich unterwegs war, pflegte ich meine Zeit in Pfeifenköpfen zu messen. Dabei benötigte ich für einen Pfeifenkopf fünf Minuten und zwölf Sekunden. Viereinhalb Pfeifenköpfe später erreichte ich das dunkle Steingebäude. Auf den marmornen Treppen klopfte ich das breite hölzerne Ende meines Rauchutensils aus. Zweimal benutzte ich den löwenförmigen Klopfer, ein geheimes verabredetes Zeichen für Rüdiger, den Nachtwächter. Nach wenigen Momenten wurde die Tür geöffnet, und ein grauhaariger, bärtiger Mann in einer dunkelblauen Uniform lächelte mich an. Ich zog eine Flasche Bourbon aus der Manteltasche, die ich nur zu diesem Zweck mitgebracht hatte, und Rüdiger machte den Eingang frei. So hatten wir uns damals auch kennengelernt: Eines Nachts, vor ungefähr zwei Wochen, hatten der Alchemist und ich eine kleine private Feier in einem Stillarbeitszimmer gefeiert und dabei die Zeit vergessen. Rüdiger erwischte uns, aber mit einem guten Schluck Whiskey hatte er sich überzeugen lassen, die Lichter noch nicht anzumachen und uns nicht des Platzes zu verweisen. Seitdem waren wir gute Freunde.

Der alte Nachtwächter torkelte vor mir zu seinem kleinen hölzernen Empfangstresen, wo tagsüber die netten Damen vom Infopoint saßen. Er war ein einsamer Mann, den das Leben gezeichnet hatte und einfach nur Durst nach Vergessen hatte. Nachdem er kurz dort rumgekramt hatte, knallte er zwei kleine Schnapsgläser auf den Tisch. Mittlerweile hatte ich die Tür geschlossen und die andere Seite des Tresens erreicht. »Aber nuar eim Kurz’n!«, lallte er. Ich fragte ihn, ob er krank sei. Er antwortete: »Nein, Fräulein Honey, hicks, der Herr Professor Doktor Schschneider hat mit mir schschon vorhin eien paar, aber wihirklich nur ein paar, Gläschen getrunken, hicks! Dann bin ich eingeschlafen und der Herr Prohofessor ist nach Hause, hicks!« Unwillkürlich zog ich die Stirn kraus. Professor Schneider leitete die Studien der Zoologie und lehrte auch mich in jenem Fach. Während ich die beiden Gläser vollmachte, dachte ich darüber nach, was das wohl für ein seltsamer Zufall war, als ein Poltern aus einem nahen Seitengang ertönte. Dienstbeflissen und mit schwankenden, steifen Schritten eilte Rüdiger auf die Geräuschquelle zu, während er mir bedeutete, zu warten. Neugierig lehnte ich mich auf die Ablage des Tresens und trank aus dem Schnapsglas, gierig nach Lethargie der Seele. Ein kurzes Klappern ertönte und der Nachtwächter erschien wieder. »Halles in Ordnuhng, Fräulein Honey!«, beruhigte er mich. »’s war nur das Fehenster. Hap’s zu’emacht, hicks!« Er stellte sich zu mir, hob das Glas und rief: »Für Bundespräsident und Vaterland!«, und schlief über die Ablage gelehnt wieder ein. Ich betrachtete ihn eine Weile, fast zärtlich wie eine Mutter, und stellte mir vor, für welchen Seelenschmerz, für welche Erfahrung wohl jede Falte in seinem runzligen Gesicht stehen mochte. Dann legte ich ihm seine Jacke über die Schultern und stieg leise die Treppen zum Zeitungsarchiv hoch.

Junge Studentin verschwunden oder Student vermisst und ähnliche Anzeigen häuften sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, wenn man gezielt danach suchte. Jemandem, der nicht explizit danach gesucht hätte, wäre es nicht aufgefallen; die Zeitpunkte, an denen die Studenten verschwanden, folgten keinem erkennbaren Muster – außer dass sie sich ausnahmslos in den Semesterferien befanden. Ich notierte mir die Namen der Vermissten, machte Abzüge, wenn es Bilder von den verschwundenen Studenten gab – und ständig hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden. Vielleicht war es aber auch nur Rüdiger gewesen, der nur zurückhaltend nach mir schauen wollte, ob mir irgendetwas fehlte. Kurz vor Mitternacht verließ ich wieder die Bibliothek. Ich hatte ein beträchtliches Bündel Papier zusammengetragen, bestimmt enthielt es fünfzehn bis zwanzig Fälle – und dabei war noch nicht gesagt, dass ich nicht irgendwelche Anzeigen übersehen hatte oder alle einzelnen Verschollenen in den Blick der Öffentlichkeit geraten waren. Wenn mein Gefühl mich nicht täuschte, musste die Zahl der Vermissten in den dreistelligen Bereich gehen. Der nächste Schritt war, die Akten der verschwundenen Studenten einzusehen. Aber zunächst sehnte sich mein Herz nach etwas anderem. Rüdiger schlief immer noch über den Tresen gelehnt, ein Speichelfaden tropfte aus seinem Mundwinkel auf die Schreibfläche dahinter, wo sich morgen wieder die blondierten Damen die Nägel lackieren würden.

»Komm rein!«, drang es gedämpft durch die geschlossene Tür des Alchemisten, die zu seinem bescheidenen Zimmer führte, nachdem ich zaghaft, fast sanft dagegen geklopft hatte. Es war kühl gewesen, als ich die Nacht nach meiner Recherche in der Bibliothek betrat. Und mein Gefühl sagte mir, dass dies nicht allein der Temperatur geschuldet war. Immer noch hatte ich das Gefühl, dass etwas in den Schatten auf mich lauerte, nur auf einen Moment der Unachtsamkeit wartete, um mich der Endlichkeit zuzuführen. Mit strengen Schritten war ich deswegen zur Bleibe des Alchemisten geeilt, der zur Untermiete bei einer reichen bürgerlichen Familie lebte. Jeder Meter, der mich näher zu ihm brachte, ließ das Gefühl der Bedrohung jedoch verschwinden und dafür machte sich diese Wärme in mir breit, die ich jedes Mal spürte, sobald ich in seine Nähe kam. Ich kannte die Bediensteten der Familie, wodurch es für mich ein Leichtes war, mir zu jeder Tages- und Nachtzeit Zugang zu verschaffen. Nach der Aufforderung drückte ich so leise wie möglich die schwere Türklinke hinab. Sofort umhüllten mich Gerüche von Opium und Weihrauch, das Zimmer lag in einem Zwielicht von Gaslaternen, deren Licht sich in den vielen Tüchern brach, mit denen der Raum zugehangen war. Der Alchemist lag auf einem großen gefütterten Kissen in einer der hinteren Ecken und lächelte mich matt und mit leicht glasigen Augen an. Auf einem kleinen metallischen Beistelltisch stand ein Klas mit einer gründen Flüssigkeit, durch die sich Schlieren zogen, und in der Hand hielt mein Geliebter seine geliebte Opiumpfeife. Einerseits mochte ich diese Seite an ihm nicht, ja bisweilen brachte sie mich zum Zweifeln, aber andererseits war es wohl ein Teil seines Wesens, der ihn ausmachte. Behutsam beugte ich mich zu ihm hinab und küsste seine Lippen, ließ meine Zunge auffordernd gegen seinen Mund gleiten, woraufhin er sich öffnete und meine Aufforderung erwiderte. Ein Kaleidoskop aus Wärme und Gefühlen brandete über mich hinein, sodass meine Knie weich wurden und ich mich in seine Arme, an seine Brust fallen ließ.

Es war kalt im Autopsiesaal. Die Neonröhren verströmten ein bleiches geisterhaftes Licht und warfen seltsame Schatten auf den Boden. Mehrere Metallliegen waren hineingefahren worden, sodass sich immer zwei Studenten an einem Leichnam prüfen lassen mussten. Barbi schlug die grüne Decke zur Seite, mit der unsere Leiche abgedeckt war. Ich musterte das Gesicht und musste an mich halten, um nicht zu offensichtlich zu erschrecken: Es war eine der vermissten Studentinnen, deren Bild ich in einem der Artikel gesehen hatte. Ein Abzug befand sich in meiner Tasche. Sie hieß Maria und verschwand vor vier Jahren spurlos. Ich versuchte, das vor mir liegende Gesicht mit dem aus der Zeitung zu vergleichen, aber je länger ich mir den leblosen Körper vor mir anschaute, desto unsicherer wurde ich. Das Bild war nur schwarz-weiß, wodurch sich die Haarfarbe nur schätzen ließ, irgendein Braunton vermutlich. Beide hatten ein herzförmiges Gesicht, das vor mir wirkte etwas eingefallener. Aber war das nicht normal bei Leichen? Gerade als ich ansetzen wollte, etwas zu Barbi zu sagen, ertönte die Stimme von Professor Schneider, der schwungvoll mit seiner Assistentin den Saal betrat. Der Professor sah vielleicht so aus, als ob er noch in den Vierzigern wäre, aber eine rein zufällige Recherche von Barbi hatte ergeben, dass er schon neunundfünfzig war. Und wenn man genau hinsah, erkannte man, dass die schwarzen schulterlangen Haare gefärbt waren, ebenso der Oberlippenbart. Sein Gesicht wirkte gefällig, aber auch bei näherer Betrachtung etwas zu straff; nur die Bräune schien natürlicher Art zu sein, denn er pflegte seine Urlaube in Griechenland zu verbringen. Seine Assistentin Janine war so ein blondiertes Flittchen, zumindest wenn man den Geschichten und ihren Kitteln, die sie immer sehr weit offen trug und offensichtlich nur mit Unterwäsche drunter, glauben durfte. Außerdem war sie stets gleich gebräunt wie Schneider, was immer Anlass für Spekulationen gab. Die beiden wirkten einfach nur falsch, aber mich beschlich das Gefühl, dass die Lösung zu den verschwundenen Studenten mit den beiden zu tun hatte. Schneider klatschte in die Hände und rief: »Extrahieren sie die Leber und die Milz und zeichnen sie einen Querschnitt von den beiden Organen. Sie haben dafür zwei Stunden Zeit. Auch dürfen Sie miteinander kommunizieren. Aaab …«, er schaute auf die Uhr, hob einen Zeigefinger und ließ ihn nach ein paar Augenblicken herabfahren, »jetzt!«

Barbi hatte sich gleich ein Skalpell geschnappt, um an der rechten Bauchhöhle anzusetzen. Ich stellte mich neben sie und konnte ihr Patschuli-Parfum rieche. »Barbi, ich …« Sie unterbrach mich verwirrt: »Ist es normal, dass menschliche Haut so schwer zu schneiden ist?« Ich legte meine Hand, über die ich einen dünnen Gummihandschuh gezogen hatte, auf die Haut der Toten und zuckte fast zurück. Sie war eiskalt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. »Ich vermute, dass sie noch halb gefroren ist«, sagte ich und wollte wieder dazu ansetzen, ihr von meinen Befürchtungen zu berichten, als eine zuckersüße Stimme hinter uns erklang. »Gibt es ein Problem, meine Damen?«, fragte die Assistentin hinter uns, und auch Barbi zuckte zusammen. »Die Leiche scheint noch etwas gefroren zu sein«, antwortete ich gezwungen gefasst, aber wahrheitsgemäß. Ich blickte der Tussi in die blauen Augen, die schön aber bar von jeglicher Emotion und Regung waren, und ein Zorn stieg in mir auf, dessen Ursprung ich nicht genau erfassen konnte. »Das kann schon mal passieren, die Toten können ja nicht alle rechtzeitig geliefert werden. Einfach ein bisschen fester aufdrücken mit dem Skalpell, ihr seid doch zwei kräftige Mädels«, flötete sie weiter in diesem Tussi-Tonfall. Unwillkürlich schloss sich meine Hand um eines der Skalpelle auf dem Tischchen mit dem chirurgischen Werkzeug, bereit es ihr sofort durch die Kehle zu ziehen. Ich wartete, bis Janine weiter weg war, atmete kurz durch und konnte dann endlich das Barbi mitteilen, was ich schon seit Minuten sagen wollte. »Ich glaube, ich erkenne die Frau von einem alten Artikel wieder, in dem es um eine vermisste Studentin ging.« Barbi hielt kurz inne mit dem Schneiden, sie hielt das Skalpell mitllerweile mit der Spitze nach unten in der Faust und hackte eher, als dass sie schnitt. »Lass uns erst mal den Scheiß hier zu Ende machen, dann können wir noch immer Mordfälle klären«, zischte sie angestrengt durch ihre zusammengebissenen Zähne, während sie weiter auf der Leiche wie auf einem Kratzeis rumhackte.

Nach der Prüfung schritten wir zum Sekretariat, um meine Namensliste mit den vermissten Studenten durchzugehen. Die weitere Sektion war gut gelaufen, nachdem wir die Organe freigehackt und die Organe mit einer Knochensäge auseinandergefräßt hatten, waren wir in der Lage gewesen, eine sehr gute Zeichnung anzufertigen. In jedem Schlechten steckt wahrlich auch etwas Gutes. Heute hatte Frau Müller Dienst im Zentralsekretariat der Universität; sie war eine ältere Frau mit graumelierter Dauerwelle und einer dicken Hornbrille, die sich stilsicher in der Mode der Fünfzigerjahre bewegte.

»Guten Tag, Frau Müller«, grüßten wir sie synchron und betont freundlich. Die Angesprochene schob ihre Brille zurecht und schaute uns erwartungsvoll an, wir schienen sie auf dem falschen Fuße erwischt zu haben. »Wir hätten gerne Auskünfte zu diesen Namen«, sagte ich und legte ihr den Zettel auf den Tresen. Sie nahm ihn, runzelte die Stirn und ging dann in ein Nebenzimmer. Barbi und ich schauten uns fragend an, als schon wenige Augenblicke später Frau Müller zurückkam. »Geht nicht, Datenschutz«, erklärte sie uns in einem fast schon keifenden Tonfall. Ich holte einen Geldschein aus der Tasche. »Können wir da vielleicht irgendwas machen?« Ihr Gesicht verwandelte sich zu einer hassverzerrten roten Grimasse und sie schrie: »Gehen Sie jetzt sofort, sonst zeige ich Sie an!«

Frustriert schlurften wir durch die Gänge der Universität. Das Ereignis mit Frau Müller machte mich nicht mutlos, sondern bestätigte meine Befürchtungen, dass etwas hier große Kreise gezogen hatte. Gerade kam uns vage die Idee, nach den Verbliebenen der Vermissten zu suchen, als hinter uns eine zuckersüße Stimme erklang: »Genau Sie beiden habe ich gesucht. Würden Sie mir bitte in mein Sprechzimmer folgen. Es geht um ihre Klausurergebnisse, die übrigens sehr gut waren!« Wir drehten uns zu der Assistentin um, ich ließ meine Knöchel knacken, Barbi straffte sich, und wie auf ein geheimes Kommando hin folgten wir ihr. In mir machte sich eine Ahnung der Unausweichlichkeit breit, als ob jetz der Vorhang gelichtet würde. Es war nur ein kurzer Weg zu ihrem kleinen Büro und sie ging einige Schritte voraus, was in Anbetracht ihr hochhakigen roten Schuhe erstaunlich war. Die Assistentin schloss die Tür auf und hatte schon hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen, als wir eintraten. Ich erwartete den Stich in meinen Hals und meine Welt wurde schwarz.

Kälte. Kälte war das Erste, was ich spürte, als ich erwachte. Ich hatte einen furchtbar tauben Schädel und konnte nur langsam meine Augen öffnen. Als mein Blick sich langsam klärte, blickte ich auf eine weiße gekachelte Decke hoch über mir. Etwas steckte in meinem Mund, sodass ich durch die Nase atmen musste. Langsam drehte ich meinen Kopf und erkannte, dass ich auf einer Metallliege im Autopsiesaal lag. Neben mir befand sich Barbi ebenfalls festgeschnallt auf einer solchen Liege und schaute mich geknebelt aus verängstigten Augen an. Ich versuchte, meinen Knebel irgendwie durchzubeißen oder meine Hände oder Beine zu bewegen, bis ich erkannte, dass ich mit Handschellen an dem Metallgestell, das rund um die Liege führte, festgekettet war. Irgendwo hinter meinem Kopf hörte ich Professor Schneiders Stimme: »Sieh an, unsere beiden neugierigen Dornröschen sind erwacht. Janine, nimm den beiden doch bitte ihre Knebel ab.« Die Assistentin tat sofort wie geheißen und beugte sich über mich, wodurch ich einen tiefen Einblick in ihr Dekolette bekam, den ich mir lieber erspart hätte. »Was soll der Scheiß?«, rief ich. Und Barbi neben mir: »Wir wissen, dass sie die Studenten entführt haben!« Ich verdrehte die Augen; ein wenig mehr taktisches Feingefühl wäre ratsam gewesen. »Hah, da haben wir eine ganz Schlaue!«, amüsierte sich Schneider und seine Assistentin kicherte gefällig. Er führte weiter aus: »Nun, es waren Studenten, die sowieso durchgefallen wären, so haben sie doch noch einen Nutzen für die Wissenschaft und weitere Generationen von Studenten, ist das nicht gut?« »Sehr gut, Professor!«, ereiferte sich Janine. »Wir sind gleich wieder da, meine Damen, laufen Sie nicht weg!« Und dann hörte ich Schritte, die sich entfernten.

»Was ist denn hier los?«, rief plötzlich eine neue, männliche Stimme, die ich kannte; es war mein Alchemist. Was machte der bloß hier? Hatte ich wieder ein Verabredung  vergessen? »Professor Schneider hat uns betäubt und will uns jetzt töten, damit andere Studenten an uns das Präparieren üben können!«, beeilte ich mich zu sagen. Der Alchemist trat neben mich und riss an den Handschellen rum, die meine Arme hielten. Ich wollte bereits anmerken, dass das sinnlos war, als die Ketten tatsächlich rissen. Verwundert starrte ich ihn an. Er zuckte nur mit den Schultern und sagte: »Neue Mischung, zieht voll rein!« Mir war nicht neu, dass er immer wieder neue Substanzen kreierte und ausprobierte, aber dass er bereits so erfolgreich damit war, wusste ich nicht. Eine Spritze tauchte an seinem Hals auf und senkte sich, bevor ich etwas sagen konnte. Ich hielt den Atem an. Konnte das Schicksal so grausam sein, in dem Augenblick der Hoffnung gleich jene zu beseitigen und mich wissen zu lassen, dass der Mann, für den ich so starke Gefühle hatte, meinen Untergang teilen würde? Der Alchemist jedoch fasst sich wütend an den Hals, zog sie raus und schlug nach der Assistentin hinter sich, die ich jetzt erst sehen konnte. Mit voller Wucht erwischte er sie und die Frau knallte gegen die gekachelte Wand. Sie rutschte langsam mit den Rücken an ihr hinab, wobei sie eine Blutspur hinterließ; ihr Gesicht war eine einzelne Ruine aus Blut, Fleisch, Zähnen und Knochen. Ich sah wieder zu meinen Retter, der sich kurz schüttelte, seinen Hals rieb und beschwingt sagte: »Geiles Zeug, was die hier haben!« Als ich mich aufgerichtet hatte, sah ich den Professor am Eingang des Saals stehen. Ich sagte dem Alchemisten, dass er schnell hinterherrennen sollte, was er auch sofort in die Tat umsetzte, aber Schneider war bereits verschwunden.

Einige Minuten später kam der Alchemist in Begleitung mehrerer Polizisten wieder. Ich sägte bereits an Barbis Fußfessel rum; alle anderen hatte ich schon durch. »Professor Schneider ist uns entwischt«, sagte einer der Beamten.

Wir saßen wieder in einem Café am Ufer der Promenade am Fluss und tranken Kaffee, dieses Mal war auch der Alchemist bei uns, der sich einen blutwärmenden Absinth genehmigte. Schneider war immer noch nicht gefunden worden. Nachdem wir eine Weile auf den weiten Fluss hinausgestarrt hatten, sagte Barbi plötzlich: »Das war ein schönes Abenteuer, Honey!« Und wir alle freuten uns.

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