Falsche Abbiegung

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Achtung: Diese Geschichte ist nicht für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren geeignet! Ähnlichkeiten mit realen Personen und Orten sind rein zufällig.

Es war eine kalte Nacht im Januar, der Nebel hing tief und in dicken Schwaden über der Fahrbahn der A7 zwischen Kassel und Göttingen. Honey raste mit 200 Sachen oder mehr über die Schnellstraße, in der einen Hand eine Kippe, in der anderen eine edle Bierdose, das Lenken übernahmen ihre Knie. Aus dem Radio, das mit ihrem MP3-Player verbunden war, dudelte nichtssagende, alternative Akustikmusik verschiedener Berliner Kleinmusiker. Sie hatte den Abend bei Ben verbracht, einen Tatort geschaut, der eher unfreiwillig unterhaltsam und komisch gewesen war. »Fuck! Morgen schon wieder Uni!«, dachte sie und genehmigte sich großzügige Schlucke vom Bier und Züge von der Zigarette, es war sogar eine fertige, also eine normale aus der Schachtel. Normalerweise drehte sie lieber, aber beim Steuern eines Autos war das selbst für ihre Multitaskingfähigkeiten zu viel. Die Felder und Wälder, die die Strecke säumten und deren Anblick normalerweise zum Verweilen einlud, waren durch die dicke Schwadensuppe nicht zu erkennen gewesen. »Scheiß Nebel!«, grummelte Honey vor sich hin, als eine rote Warnlampe aufleuchtete, die lediglich ein Ausrufezeichen darstellte. Die Prinzessin aus dem Osten hämmerte ihre Büchse in die Kaffeebecherhalterung und kramte mit der freien Hand im Handschubfach nach der Gebrauchsanleitung. Sie drosselte das Tempo auf verkehrssichere 180 Stundenkilometer, während sie mit der Bedienungsanleitung des Wagens im handlichen Taschenbuchformat auf dem Lenkrad im Schein der Zigarettenglut nach der Erklärung der Warnsymbole suchte. Endlich hatte Honey die richtige Seite mit dem entsprechenden Vermerk gefunden; ›Fahren Sie so schnell wie möglich in eine Werkstatt, sonst fliegt Ihnen die Kiste um die Ohren!!!‹, stand dort im hochgestochenen Beamtendeutsch. Wütend pfefferte die junge Frau das Buch auf den Beifahrersitz und gönnte sich einen großen Schluck ihrer Gerstenkaltschale. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, es drauf ankommen zu lassen, aber die Warnung aus dem Handbuch war doch recht eindrücklich gewesen, das musste sie zugeben. Honey setzte den Blinker und nahm die Abfahrt Drammetal in der Hoffnung, dort noch um diese Uhrzeit eine Tankstelle mit Notfallwerkstatt vorfinden zu können. »Immerhin sind wir ja hier in der Nähe der längsten Autobahn Deutschlands«, so ihre Gedanken. Mit geschmeidigen 120 Sachen bretterte sie die Abfahrt runter und durch die Straßen des kleinen Kaffs, vorbei an einer Grundschule, direkt in einen Wald hinein. Die Bäume ragten hier bedrohlich über der Straße aus dem Nebel heraus, als ob sie den grünen Wagen mit der Frau in seinem Inneren aufhalten wollten. Und tatsächlich verreckte ihr die Kiste mitten auf der Straße. »Verfickte Fotzenscheiße!«, fluchte sie und schaute auf ihr Smartphone, das in einer goldenen Hülle mit pinken Strass-Steinen steckte. Natürlich kein Empfang und ihrer Kehle entwandt sich abermals ein sehr undamenhafter Fluch. Dann nahm sie ihr Bier und eine Kippe.

Die Arme eng um ihren Körper geschlungen zitterte Honey die dunkle zweispurige Landstraße entlang, die durch den Wald führte, zurück zu dem Dorf. Das Bier war schon lange alle, aber sie hatte sich die Dose in ihre Jackentasche gesteckt, genauso wie den Zigarettenstummel, denn die Prinzessin war sehr umweltbewusst. Wenn ihr nicht so kalt gewesen wäre, hätte sie sich vielleicht auch gefürchtet, aber so waren ihre Gedanken nur auf die Kälte – und wie sie aus ihr entkommen konnte – gerichtet. Und dann stand sie vor einer Telefonzelle, mitten im Wald am Straßenrand. Überraschenderweise war es in dieser relativ warm, als sie das fast antiquiert wirkende Telefonhäuschen betrat, und es roch noch nicht einmal besonders stark nach Urin. Mit steifen Fingern klaubte sie ihr Portemonnaie aus einer Jackentasche. Sie zitterte noch so stark, dass sie eine gefühlte Ewigkeit und mehrere Versuche brauchte, das Kleingeld in den Münzschlitz zu stecken und die richtigen Tasten zu treffen. Als endlich das Freizeichen durch den Hörer ertönte, war sie schon kurz vor’m Jubelieren gewesen, aber als sich dann noch eine freundliche Männerstimme mit »ADAC-Pannenservice« meldete, sprudelten ihre Worte voller Freude aus ihr hinaus: »Ich bin im Wald liegengeblieben! Mitten am Arsch der Welt. Drammetal oder so. Bier habe ich auch keins mehr!«
»Beruhigen Sie sich, junge Frau«, erklang die ruhige tiefe Stimme aus dem Hörer, »Können Sie mir Ihren Namen und Ihre Kundennummer geben?«
»Ja, klar! Honey von Fotzenstein, Königin des Ostens. Kundennummer: null-eins-neun-null-sechs-sechs-sechs-sechs-sechs-sechs.«
»Vielen Dank, Frau von Fotzenstein, Königin des Ostens. Da sie Mega-Super-Duper-Gold-Platin-Mitglied sind, werden wir Ihnen so schnell wie möglich ein Rettungsteam vorbeischicken. Sie sind wahrscheinlich an einer Grundschule vorbeigefahren, oder?«
»Ganz genau! Wie lange werden Ihre Leute brauchen?«
»Vielleicht zehn bis fünfzehn Minuten. Halten Sie durch!« Die Verbindung wurde getrennt und erleichtert seufzend lehnte Honey sich gegen eine Seitenwand der Telefonzelle. Einer Eingebung folgend wählte sie noch eine andere Nummer.

Ben saß im Wohnzimmer seines alten Freundes und Weggefährten Eulenspiegel. Nachdem Honey gefahren war, hatte jener ihm noch eine Nachricht geschickt, dass er morgen frei habe und noch viel zu viel Alkohol im Hause. Das hatte sich Ben natürlich nicht zweimal sagen lassen, war schnell zu ihm geeilt und labte sich nun an Bier und Whiskey, während er zu Neunziger-Jahre-Pop den Kriegsgeschichten seines Gastgebers lauschte. Eulenspiegel war ein narbenübersäter Veteran mit kurzen braunen Haaren, die sich aber bereits am Haaransatz und -wirbel lichteten; er war von mittelgroßer, kräftiger Statur und stets glattrasiert. Er erzählte gerade, wie er damals ein Höhlensystem des Vietcong allein stürmte, als Bens Smartphone klingelte. Mit gerunzelter Stirn holte es jener hervor, sah, dass es eine unbekannte Nummer war, und nahm ab, während Eulenspiegel die Musik stumm stellte.
»Hi, Bennilein. Wollte nur sagen, dass ich eine kleine Panne hatte, aber gleich abgeholt werde.«
»Alles klar, sollen wir dich abholen oder so? Wo bist du denn?«
»In irgendeinem Wald bei Drammetal. Werde aber gleich vom ADAC abgeholt, also musst du nicht.«
»Ist gut, dann meld dich einfach später.«
»Mach ich, tschüss.«
Eulenspiegel fragte nun seinerseits: »Alles in Ordnung?«
»Joa, Honey hatte nur eine Panne, irgendwo bei Drammetal, wird aber gleich abgeholt«, erklärte Ben. Bei dem Wort Drammetal versteifte sich sofort Eulenspiegels Körperhaltung, und er sagte: »Wir müssen sofort los und sie retten! Keine Zeit für Fragen oder Erklärungen!«
Unterdessen war Honey zurück in Richtung ihres Autos gelaufen, als sie von hinten ein gelbes Signallicht und Scheinwerfer erkannte. Kurze Zeit später hielt neben ihr ein gelber Abschleppwagen. Die Seitentür öffnete sich und ein freundlich lächelnder, älterer Mann mit grauem Oberlippenbart in einer gelben Winterjacke reichte ihr eine Hand vom Beifahrersitz aus. »Frau von Fotzenstein?«, fragte er höflich und gutherzig, während Honey seine dargereichte Rechte ergriff, seine Frage bejahte und sich auf den Beifahrersitz ziehen ließ, während der Mann in die Mitte rutschte.
»Ich bin Manni, und das ist Kalle«, erklärte der ältere Mechaniker mit dem Schnurrbart, als die Prinzessin die Tür zugezogen hatte und sie weiterfuhren. Sie betrachtete nun den Fahrer, der zur Begrüßung kurz am Schirm seines gelben Basecaps geschnippt hatte, während er sich weiter auf die neblige Straße konzentrierte. Im Gegensatz zu Manni war er etwas beleibter mit einem freundlichen Bierbauch und rötlichen Wangen, die auf einen gemütlichen Zeitgenossen schließen ließen. Wie zur Bestätigung ihrer Gedanken sagte er auch gleich: »Manni, nu‘ gib dem Mädchen doch mal ein Bier. Die sieht schon ganz verdurstet aus!«, und zwinkerte ihr zu. Der Angesprochene ging der Aufforderung sogleich nach und kramte eine volle Dose Gerstensaft aus dem Fußraum.

Ein paar Minuten später lag ihr grüner Rennwagen am Straßenrand vor ihnen. Honey fühlte sich jedoch so wohl und entspannt, dass sie am liebsten gar nicht ausgestiegen wäre. Die beiden älteren Mechaniker hatten wohl abermals ihre Gedanken erraten und versicherten ihr, dass sie in der Fahrerkabine bleiben könne, sie ihnen nur die Wagenschlüssel aushändigen müsste. Gähnend nestelte sie diese hervor und ließ sie in Mannis ausgestreckte Hand fallen. Mit halbgeschlossenen Augen sah sie noch, wie die beiden die Motorhaube öffneten, als sich ihre Lider ganz schlossen.

Die Tür wurde aufgerissen und eine Hand packte sie grob am Arm und zog sie von dem Sitz herunter. Honey war vollkommen orientierungslos und wusste überhaupt nicht, wo sie sich befand, als sie schon ein Schlag im Gesicht traf, der sie gegen die Fahrerkabine neben der Tür schleuderte. Ihr Blick klärte sich langsam und sie sah eine hünenhafte Gestalt vor sich aufragen, die sie aus wilden Augen anstarrte. Der Kopf war vollkommen deformiert, als wenn der Schädel, auf dem dunkle lange, fettige Haare sprossen, in die Länge gezogen und der obere Teil nach links gepresst worden wäre. Die Lippen waren aufgequollen wie bei einem billigen Pornostar und wurden von einem schwarzen fusseligen Bart eingerahmt. Der fremde Mann trug nur eine Latzhose aus blauem Jeansstoff und abgewetzte Armeestiefel. Als er näher kam, sah sie im Licht der Scheinwerfer, dass der linke Arm zwar normal lang, aber unnatürlich dünn, fast verkümmert war, dafür war der rechte umso voluminöser. Ihr Blick wanderte an jenem muskulösen Arm hinab, und sie erblickte ein riesiges, rostiges Fleischerbeil in seiner Pranke, von dem eine dampfende, dunkelrote Flüssigkeit herabtropfte. »Blut!«, dachte sie, aber laut sagte sie: »Was soll die Scheiße, du Wichser?! Verpiss dich!« Im nächsten Moment fühlte sie ein warmes Rinnsal unter ihrer Nase, das über ihren Mund bis runter zum Kinn floss. Sie wischte mit dem rechten Handrücken drüber und hielt ihn sich halb vor die Augen, sodass sie den komischen Kerl vor sich weiter im Auge behalten konnte. Es war tatsächlich rot und empört brüllte sie abermals: »Blute ich als Frau nicht schon genug, du Penner?!« Das Scheusal grölte irgendetwas Unverständliches zurück und machte einen Satz nach vorn, um sie mit dem verkümmerten Arm zu packen. Aber Honey wich seitlich aus und sprintete in Richtung der Scheinwerfer davon, als sich etwas um ihren linken Knöchel schloss. Sie fiel und knallte mit dem Kopf gegen den Abschleppwagen und die Welt wurde schwarz.

»Schneller, Alter, schneller!«, rief Till seinem mit Nieten verstärkten Polo zu, während er die Linke mit seinem Schwert aus dem Fenster hielt, um die A-Säule mit Schlägen der flachen Seite seiner Waffe zu bearbeiten und sein Gefährt so zu mehr Eile anzutreiben. Dabei klirrte rhythmisch sein Kettenhemd, das er eigentlich nie auszog, wie die Mama, Eulenspiegels Freundin, Ben einmal erklärt hatte.
»Meinst du nicht, dass du etwas übertreibst? Bestimmt geht’s ihr voll gut und sie wird sich über uns lustigmachen?«, fragte Ben zweifelnd.
Eulenspiegel drehte ihm halb das Gesicht zu: »In solchen Situationen gilt: lieber einmal zu viel gelacht als gar nicht mehr!« Dieser bestechenden Logik hatte der Germanistikstudent nichts mehr entgegenzusetzen und schaute schweigend über die nebelverhangene Fahrbahn der A7.

Fackelschein. Stimmengewirr. Rumpelnde Schläge gegen ihren Rücken und Hinterkopf. Das alles nahm Honey wahr, als ihre Sinne langsam zurückkehrten und als sie Augen öffnete, blickte sie in nebelverhangene Äste, die in unstetem Fackelschein an ihr vorbeizogen. Langsam wurde ihr bewusst, dass sie auf dem Rücken lag und an ihren Beinen über den Waldboden geschleift wurde.
»Ich glaube, sie kann wieder laufen!«, hörte sie eine liebliche Mädchenstimme wenige Schritte neben ihrem Kopf sagen. Ihre Reise stoppte und Honey fühlte ihre Beine auf den weichen verschneiten Waldboden fallen. Langsam rappelte sie sich in eine sitzende Position auf und sah vor sich den Hünen von vorhin, der sie erwartungsvoll popelnd ansah. Während ihre Erinnerungen allmählich zurückkehrten, drehte Honey ihren Kopf und suchte die Person zu der Mädchenstimme von eben und fand sie wenige Schritte zu ihrer Linken. Es war eine junge Frau, vielleicht zwölf oder dreizehn, mit wunderschönen goldenen Locken, die ein ebenmäßiges, herzförmiges Gesicht einrahmten, das die Farbe von Porzellan hatte. Verwirrt drehte die Prinzessin weiter ihren Kopf und sah hinter sich undeutliche Schemen von weiteren Personen, die leblose Körper hinter sich herzogen. »Manni und Kalle!«, schoss es ihr durch den Kopf. Hektisch wandte sie sich wieder dem Mädchen zu: »Renn weg! Schnell!«, als ihr Blick an der werdenden Frau herabglitt und sie das Messer in deren Hand sah. Als Honey ihr wieder ins Gesicht schaute, verzog ihr Gegenüber den Mund zu einem Lächeln, wobei sie spitze Zähne entblößte und freundlich sagte: »Warum sollte ich vor meiner Familie davonlaufen? Wir sind alle nette Leute, Karl hat sich sogar schon in sein Herz geschlossen, glaub ich. Wir werden bestimmt tolle Freundinnen, was meinst du? Ich heiße übrigens Maria.«
»Ja … Ja, sicherlich, Maria!«, stammelte Honey unbeholfen zurück, einer Eingebung folgend, dass ihre Chancen am besten stünden, wenn sie einfach mitspielte. Das blond gelockte Mädchen kam mit besorgtem Gesicht auf sie zu, kniete sich zu ihr hin und erklärte fürsorglich: »Du bist schlimm gefallen, weißt du? Und hast dir böse den Kopf angeschlagen. Komm, ich helfe dir.« Mit erstaunlicher Kraft zog Maria sie auf die Beine und legte sich Honeys linken Arm über die Schulter. Die Prinzessin spürte aber auch die Klinge, die gegen ihre Hüfte stach.

»Hier muss es sein!«, stellte Eulenspiegel scharfsinnig fest und fuhr an dem Abschleppwagen und Honeys Auto vorbei, um vor diesem zu parken. Im Licht der Scheinwerfer traten die großen roten Flächen auf dem Schnee überdeutlich hervor. »Blut!«, sagte Eulenspiegel bedeutungsschwanger und fuhr fort: »Da, die Spuren führen dort entlang!« Tatsächlich führte dort die blutige Schleifspur entlang, inmitten vieler Fußspuren und die Böschung war zerwühlt. »Du hattest wohl recht«, meinte Ben. »Aber ich habe immer noch keine Waffe!« Eulenspiegel ging grummelnd zu dem Werkzeugkasten und zog einen Schraubenzieher hervor, Kreuzschlitz. »Diese Waffe wird dir genügen, um dich gegen die Kreaturen der Finsternis zu wappnen!«
»Dein Ernst, Alter?«

Honey war zu einer Scheune geführt worden, aus derem Inneren warmer Feuerschein hervordrang, aber als sie eingetreten war, musste sich die Prinzessin erst einmal übergeben. Von der Decke hingen überall menschliche Torsos und Extremitäten jedes Geschlechts und Alters. Vor Entsetzen hatte sie sich instinktiv zur Flucht gewendet, aber Maria hielt sie fest und drückte das Messer noch ein Stückchen mehr in ihre Seite. Sie erklärte gütig: »Ich weiß, das ist nicht etwas für jedermann, aber wir mögen es gerne etwas rustikaler, verstehst du? Wenn du so einen empfindlichen Magen hast, kannst du von Glück sagen, dass Winter ist, im Sommer ist der Geruch viel intensiver.« Honey sagte nichts und war darauf bedacht, den Armen und Beinen, die von der Decke hingen, auszuweichen. Am anderen Ende der Scheune stand ein langer Tisch, zu dessen Kopfseite Maria sie führte. Die Tafel war mit Silbergeschirr und dutzenden Kerzenhaltern bestück. Dort bedeute sie der Prinzessin: »Setz dich doch bitte, du bist heute unser Ehrengast. Wir bekommen nicht oft so hohen Besuch!«
»Ja, wir kriegen nicht oft süßes Adelsfleisch zu kosten, hehehehe!«, kicherte eine Gestalt weiter vorne rechts vor sich hin, die Honey vorher nicht wahrgenommen hatte. Es war ein schrumpeliger, alter Mann, der zahnlos vor sich hin lächelte und dicke weiße Schuppen von seiner kahlen Kopfhaut kratze, die wie Schnee auf den Teller vor ihm und seine Schultern rieselten.
»Hör auf, unseren Gast und meine neue Freundin zu verunsichern! Es wird sie erst zum Nachtisch geben, Opa!«, tadelte sie den alten Tattergreis, der daraufhin wieder nur gackernd lachte.
Beunruhigt ließ Honey ihren Blick durch den Raum schweifen, aber sah nur immer mehr Gestalten, die sich in dem Raum einfanden. Es waren mindestens zwei Dutzend und sie wirkten wie eine Menagerie des Wahnsinns, manche sahen wie Maria fast normal aus, bei anderen grenzte es an ein Wunder, dass sie überhaupt lebensfähig waren. Die Prinzessin riss die Augen auf und hätte sich abermals übergeben, wenn sie noch etwas im Magen gehabt hätte, als sie sah, wie Manni und Kalle, die zum Glück schon tot zu sein schienen, an Fleischerhaken aufgehängt wurden. Manni hatte man die Kehle durchtrennt und Kalles Hinterkopf war eine zerfurchte blutige Masse, wie Honey erkannte, als sich beiden jeweils passend in ihre Richtung an den Haken drehten. Sie wandte den Blick schnell ab und blieb mit ihm auf einer massigen, alten Frau hängen, die neben dem Tattergreis stand. »Das ist meine Oma«, erklärte Maria freundlich, als sie bemerkte, wen Honey anstarrte. Die Großmutter war riesig, mindestens zwei Meter, trug eine karottenorange Dauerwelle auf dem Kopf und eine große, dicke Brille auf der Nase, durch die ihre Augen gewaltig und glubschig wirkten. Als sie ihre schrille Stimme erhob, verstummten sofort alle Gespräche am Tisch. »Meine liebe Maria und mein lieber Karl, kommt doch bitte zu mir!« Die beiden Angesprochenen kamen der Aufforderung sofort nach und stellten sich schräg hinter ihre Großmutter und diese sprach weiter: »Meine beiden Lieblingsenkel haben heute erfolgreich gejagt und uns sogar hohen Besuch verschafft!«, alle Köpfe wandten sich kurz Honey zu, »jetzt gebt Oma einen Kuss und in der Zwischenzeit können die anderen schon mal essen!« Honey sah angewidert, wie die beiden tatsächlich ihre Großmutter küssten, aber nicht auf die Wange oder so, was schon eklig genug meistens war, sondern mit dem Zungenkuss zweier Liebender, die abwechselnd den Hals und die Brüste der alten Frau liebkosten, die wiederum laut über die Szenerie stöhnte, während andere degenerierte Gestalten Platten mit halbblutigem Fleisch auf dem Tisch abstellten. Bei dem Gedanken daran, was das wohl für Fleisch vor ihr sein mochte, würgte Honey Galle hoch. An einigen Stücken waren noch Haut und Haare dran, aber die Kannibalen störten sich nicht dran. Die meisten von ihnen bevorzugten es, mit den bloßen Fingern zu essen, da sie so die Marinade, die sie aus ihren verschiedensten Körperöffnungen gewannen, direkt auftragen konnten. Maria natürlich nicht. Sie aß mit Messer und Gabel, erbot sich sogar, Honeys Portion ihr kleinzuschneiden, was die Königin aber höflich ablehnte.

Das Gelage dauerte eine gefühlte Ewigkeit, aber Maria war schon bald selig lächelnd zu Honey zurückgekommen – es war zum Glück nicht zum Äußersten mit ihrer Oma gekommen -, um reichlich dem Fleisch zuzusprechen. Je kleiner die Fleischberge auf den Tellern wurden, desto unwohler fühlte sich die Prinzessin, und sie verfluchte Ben dafür, dass er sich mit ihrer Rettung so verdammt viel Zeit ließ; er musste doch wissen, dass sie in Gefahr war, oder?
Als alle aufgegessen hatten, erhob sich wieder die Großmutter und rief in Richtung von Maria: »Meine liebe Enkelin, schneidest du bitte das Dessert an?«
Das Mädchen bestätigte die Bitte mit einem damenhaften Knicks und flüsterte Honey noch ins Ohr: »Keine Angst, ich werde deinen Kopf zum Frisieren behalten«, als sie schon hinter die Prinzessin trat und ihr das Messer an die Kehle legte. Aber Honey sah nur den Mann, der sich lautlos und unbemerkt, weil alle Blicke auf sie gerichtet waren, mit erhobenem Schwert auf die Versammlung zubewegte.
»Stirb, verdammte Riesenbrut!« Klatsch! Karls Kopf flog über den halben Tisch, gefolgt von einer riesigen Blutfontäne, die sogar noch Honey und Maria benetzte. Die Bewegungen des Schwertschwingers waren so schnell, dass er vier weitere Kannibalen zerhackt hatte, bevor die anderen überhaupt aufgesprungen und in der Lage waren, sich zu wehren oder fortzurennen. Maria hatte hinter Honey einen kurzen erschrockenen Schrei ausgestoßen und Honey nutzte die Ablenkung, griff mit ihrer rechten Hand den Unterarm vor sich und drückte ihn weg, während sie ihren linken Ellenbogen nach hinten stieß und mit einem hohen »Uff!« belohnt wurde. Das Mädchen hatte das Messer fallengelassen und die Prinzessin sprang auf, wirbelte dabei herum und traf sie mit der Faust im Gesicht. Die Getroffene taumelte wimmernd nach hinten und plumpste auf ihren Hintern, hielt sich dabei die Hände vor’s Gesicht. Kurz überlegte Honey, die junge Frau zu erledigen, aber sie brachte es einfach nicht über sich, also drehte sie sich um, um zu sehen, wie es dem Schwertschwinger mit ihren Peinigern erging. Er schien zurechtzukommen, hielt die Kannibalen auf Abstand und hackte hier und da Glieder ab, wenn ihm einer zu nahe kam. Um ihn herum lagen verstümmelte und tote Leiber, als Honey bemerkte, dass sich die beiden Alten ihm von hinten näherten. Sie wollte eine Warnung schreien, da sah sie Ben im Eingang der Scheune stehen – mit einem Schraubenzieher in der Hand. Er warf ihn und traf die Großmutter hart am Kopf, die sich wütend umdrehte und mit dem Tattergreis ihrem Kumpel hinterherrannte, der wiederum die Beine in die Hand genommen hatte und davongelaufen war. Ein plötzlicher und heftiger Schmerz zuckte durch ihr linkes Bein und Honey wirbelte mit einem Schrei herum.

Ben rannte tief in den Wald hinein. Sein Herz und seine Lunge pochten. Zum Glück war er die letzten Monate wieder schwimmen gegangen, sonst hätte er das nicht lange durchgehalten. Da er nur so klein war, behinderten ihn die Äste kaum und er brach durch das Unterholz wie ein wütendes Wildschwein. Auf einer Lichtung blieb er stehen. Er stützte sich an einem Baum und holte tief Luft, nahm sich einen Ast und wartete auf die beiden Alten, die zwar für ihr Alter recht schnell und behände waren, aber eben doch nicht so sehr wie er. Die Oma brach polternd durch das Gestrüpp auf der Lichtung, in der einen Hand ein Fleischerbeil und mit der anderen zog sie den Alten hinter sich her, der halb zeternd, halb lachend rumstolperte. »Hab ich dich, kleines Schweinchen!«, rief sie. »Weißt du denn nicht, dass man keine Dinge nach alten Damen wirft?«, fügte sie noch hinzu. Und der Alte: »Ja, komm her, du Sau. Dir steck ich einen Speer in den Arsch und dreh dich über einem Feuer, hehehe!«
Ben ignorierte das demente Geplapper und fragte lässig: »Wusstest, dass dich dein alter, liebender Ehegatte eine ›fette Kuh‹ genannt hat? Hab ich vorhin gehört, als ich euch belauscht habe. Geht mich ja nichts an, aber vielleicht solltet ihr das zuerst klären«
»Waaas?«, kreischte die Großmutter und drehte dich zu dem Großvater um. Der hob beschwichtigend die Hände. »Die Ratte verarscht dich doch nur!« Schnaufend drehte die Alte sich wieder zu Ben um und kam schnaufend ein paar Schritte näher. Aber Ben gab zu bedenken: »Wann hat er dich das letzte Mal ordentlich durchgebügelt, hm?« Die Kannibalen-Oma hielt inne, überlegte einen Moment und wirbelte dann herum. »Das liegt am Alter!«, versuchte der Alte zu erklären, aber die emotional verletzte Frau hieb ihm ihr Beil direkt in den Schädel, bevor er weiterreden konnte. Ächzend zog sie die Klinge aus dem Schädel des Tattergreises und wandte sich dann wieder an Ben. »Danke für die Information, junger Mann, aber jetzt muss ich dich trotzdem schlachten!«

Aber ein Rabe flog über die Lichtung und nahm den Nebel mit sich. Und Ben lachte. Ein Lachen aus einer anderen Welt. Und Ben trat zurück ins Zwielicht. Es schien, als wachse seine Gestalt halbverdeckt von der Finsternis. Und der Ast in seiner Hand wurde lang und spitz, seine Jacke zu einem Mantel und rechts und links von ihm stellte sich je ein Wolf an seine Seite. Aber als er aus der Dunkelheit ins Licht des Mondes trat, sah sie, dass er nur noch ein Auge hatte, das rot leuchtete, und mit zitternder Stimme fragte sie: »Wer bist du?«
Und er antwortete: »Ich heiße Grimr und Gangleri,
Herjan und Hialmberi,
Theck und Thridi, Thudr und Udr,
Helblindi und Har,
Sadr und Swipal und Sanngetal,
Herteitr und Hnikar …«
Aber die Alte unterbrach ihn: »Ist ja gut, ich werde dich trotzdem fressen!«
Und Bens Stimme hallte über die Lichtung, Anklage und Richtspruch in einem: »Hybris!«
Und er nahm seinen Speer und warf ihn hoch in die Luft. Und als er fiel, durchbohrte er die Brust der unheiligen Frau, warf sie auf die Erde und nagelte sie dort fest.

Maria hatte ihr von hinten eine Gabel in den Schenkel gerammt und schaute die Prinzessin trotzig und mit verheulten Augen an. »Ich dachte, du bist meine Freundin!«, brüllte die Teenagerin sie empört an und stürzte sich auf sie. Honey wich zur Seite aus, aber so kam Maria wieder an ihr Messer, das sie fallengelassen hatte. Sie kam drohend auf die Prinzessin zu, hielt die kurze, spitze Waffe vor sich, als eine donnernde Stimme ertönte: »Fallenlassen, Mädchen!« Beide Frauen drehten sich zu der Stimme um und sahen den Schwertträger näherkommen, der komplett mit Blut besprenkelt war und offensichtlich die Kannibalengemeinde komplett niedergemetzelt hatte – bis auf Maria natürlich. Die spielte mit einer Haarlocke und klimperte mit den Augenbrauen: »Oh, mein starker Held! Wie gut, dass du hier bist. Die da wollte mir weh tun!«
»Halt mich nicht zum Narren!«, polterte der Mann zurück. »Ich bin hier, um sie zu befreien, und ich weiß, dass du zu denen gehörst, also Blicke deiner Vernichtung ins Auge, Scheusal!«
Maria fiel auf die Knie und flehte: »Nein, bitte nicht. Wir können doch hierbleiben. Ich bin noch jung und schön eng …«
Aber der Mann hob sein Schwert und rief: »Ich liebe Mama!«, und teilte das knieende Mädchen in zwei Hälften. Danach reichte er Honey freundlich die Hand. »Königin Honey, ich bin Eulenspiegel. Ben ist mit mir hier, um euch zu befreien.« Honey ergriff die Hand und stellte klar: »Nennt mich doch einfach Prinzessin, sonst fühle ich mich so alt.«

Vor der Scheune trafen sie wieder auf Ben, der entspannt eine rauchte. Schweigend gingen sie zurück durch den Wald. Sie nahmen das Bier aus dem Abschleppwagen und stießen auf Manni und Kalle an. In Eulenspiegels Wagen fragte Ben: »Und, hat in Göttingen jetzt noch was auf?« Alle drei lachten und sie fuhren gemeinsam zur nächsten Tankstelle.

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2 Antworten zu Falsche Abbiegung

  1. jfvonwolfgarten schreibt:

    Hat mir Spaß gemacht, Deine Geschichte zu lesen und ich mag Deinen Schreibstil. Ist der Satz aus der Bedienungsanleitung des Autos nicht eher >niedergestochenes< Beamtendeutsch?

    • cheshirepunk schreibt:

      Vielen Dank und schön, dass dir die Geschichte gefällt.
      Na ja, das würde doch die Ironie verderben, ganz davon abgesehen, dass es überhaupt kein Beamtendeutsch ist 😀

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