Die Königin des Ostens – Das Männercasting (Teil 1)

medieval

Einst lebte im fernen Osten des Landes – es war eine kleine, unbedeutende Region, die man Berlin nannte – eine Königin, die man Honey die Fotzige nannte, der Einfachheit halber wollen wir sie aber einfach Honey nennen. Sie liebte das Feiern und die Männer, und die Angehörigen des männlichen Geschlechtes liebten sie; ihre Gestalt war von edlem Wuchs, nicht zu groß, nicht zu klein, die Augen klar und blau wie die Bergseen an einem sonnigen Sommertag, das Haar lang und blond wie der Weizen auf den Feldern. An jenem Orte residierte sie zusammen mit einem großen Pferdefreund, mit dem sie sich ebenso oft liebte wie stritt.

Doch eines Tages hörte sie von einem fahrenden Kaufmann Gerüchte von einer Region, in der das Wissen und die Künste hoch verehrt wurden. Und in ihr keimte der Wunsch, sich von den fleischlichen Freuden der Jugend zu lösen und nach Höherem zu streben. Also macht sie ihre Aufwartung in der altehrwürdigen Universitätsstadt Göttingen, weilte aber zu dieser Zeit in unserer florierenden Weltstadt, die sich da Kassel nennt. Zu dieser Zeit traf sie auf meine Gefährten Tullius, den Evangelisten und auch auf mich, der ich mich in aller Bescheidenheit als Ben in der dritten Person bezeichnen werde. Mit Tullius verband sie schnell wieder ein Band der fleischlichen Lust, wovon ich aber erst später erfahren sollte, während besonders Ben und ferner der Evangelist in ihre Dienste traten und ihren Hof hier vorbereiteten.

Der Sommer verging und der Herbst erstrahlte, als Honey sich endlich in meiner näheren Umgebung wiederfand. Das erste Begehr der Königin war es, einen würdigen Gemahl für die Zeit ihrer Studien zu finden. Der Evangelist und Ben verständigten sich schnell auf einen Auserwählten, der ihnen passend erschien. Ihnen schien der stolze und edle Matthias genau der richtige Recke zu sein, um die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Königin zu erfüllen. Doch zunächst machte ein anderer ihr die Aufwartung, oder sagen wir anderthalb andere. Bei einem Gelage am Hofe der Universität lernte sie Hand und Spaten kennen. Ohne auf unschickliche Details weiter einzugehen, kann gesagt werden, dass Hand bereits vergeben war, was ihn und Honey jedoch nicht von einem kleinen Lustspiel abhielt. Mit dem Spaten verband sie doch einige Abenteuer mehr und sie war gewillt, ihn an ihrer Seite residieren zu lassen, schließlich hatte er einen schönen Schwanz, buschig und groß, sodass er gar damit fliegen konnte, wenn er damit wedelte. Jedoch täuschte sich die Königin arg im Wesen des Spaten; hielt sie ihn doch für einen offenen und freien Zeitgenossen, geziemte er sich wie ein eifersüchtiges Burgfräulein und verweigerte ihr die Aufwartung. Aber was jubelten nun Ben und der Evangelist, da nun die Zeit war, dass ihr Auserwählter, Matthias, die Arena im Herzen der Königin betreten sollte. Er war ein Hüne von einem Mann, sein Haar lang wie ein Wasserfall und mahagonifarben, kräftige Muskeln zierten seinen Körper und seine Haltung war aufrecht wie die eines Edelmanns. Und wie wacker er sich schlug, im Sturm eroberte er den Honigpott der Königin, ‚lit as fuck‘, wie der Engländer sagen würde. Aber, ach weh, was müssen die Nornen gelacht haben, als sie die Schicksalsfäden der beiden spannen.

In einer sturmgepeitschten Nacht, in der die Dunkelheit regierte, machte sich Honey auf den Weg zu Tullius, der der Melancholie anheimgefallen war. Lediglich sollte es ein Freundschaftsbesuch werden, denn sie hatte ihm zugunsten des edlen Matthias abgeschworen. Aber in jenem Dunkel, in dem einstweilen die Geister, Dämonen und Kobolde Schabernack treiben und die Gemüter der Sterblichen vernebeln, gaben sich die Königin und Tullius einander hin. An dieser Stelle lohnt es sich vielleicht auch, ein paar Worte über jenen Tullius zu verlieren. Auch er war ein Recke, aber in allem etwas grober, seine Haltung war verwegen, das Haar lang, aber wie die Mähne eines Löwen, die Haltung verschlagener, verwegener.

Jedenfalls muss dazu gesagt werden, dass Tullius und Matthias recht gute Gesellen miteinander waren, sodass natürlich so ein Ereignis nicht zu verschweigen war. Wie ihr euch vorstellen könnte, geneigte Leser, war der edle Matthias nicht gerade erfreut, als er davon erfuhr, ließ es aber dabei bewenden. Denn er gehörte auch einer Schaustellergruppe an, in der sich eine Maid befand, die ein Auge auf ihn geworfen hatte. Und da Matthias ein treuer Christensohn war und in der Bibel steht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“, nutzte er die Zutraulichkeit jener Maid, um der Gerechtigkeit genüge zu tun. Wie es aber nun die Art der Königinnen ist, fühlte sich Honey von dieser Tat schändlich betrogen und ihr Herz blutete, wobei sie jedoch wusste, dass dem Recken kein Vorwurf zu machen war. So entzweiten sich die beiden auf unbestimmte Zeit und an dieser Stelle sind wir in der Gegenwart angelangt und müssen die Chronik unterbrechen, aber selbstredend wird meine Wenigkeit euch beizeiten über die neuesten Ereignisse, was Honey und ihre Mannen betrifft, in Kenntnis setzen.

Euer Ben

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