[Polittristik] Die Anschläge von Paris

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit politische Sachverhalte erst in der Retrospektive zu bearbeiten, habe ich mich dazu entschlossen, dieses aktuelle Thema zu behandeln, weil mir dazu so viel auf den Nägeln brennt und das mich nicht loslässt.

An erster Stelle will ich die Anschläge des gestrigen Tages in Paris scharf verurteilen und den Hinterbliebenen mein Beileid ausdrücken.

Ich frage mich wirklich, was einen Menschen dazu bewegt, unbewaffnete und wehrlose zu erschießen, nur weil sie Karikaturen gemalt haben. Ich bin selber gläubiger Neopaganist, aber ich käme nie auf die Idee jemanden, der auch noch unbewaffnet ist, einfach so abzuknallen, hinzurichten. Es ist dabei nicht nur die Brutalität und die Feigheit, die mich entsetzt, sondern auch die Dummheit, die hinter diesen Attentaten steckt. Die Attentäter behaupten, dass sie ihren Propheten gerecht hätten, einen Scheiß haben sie. Sie haben das Ansehen von Millionen friedlichen Muslimen auf der ganzen Welt beschmutzt und auch ihren Propheten, dem sie höchstens damit „das Gemüt eines Dreijährigen“, wie es der Postillon ausdrückt, unterstellen. Die Attentäter haben damit selbst Mohammed und die gemäßigten Muslime auf der Welt beleidigt. Selbst Pierre Vogel – Ja, der Mann heißt wirklich so. Wer ihn nicht kennt: Das ist der Obersalafist des deutschsprachigen Raums – hat erkannt, dass die Anschläge dem Islam und dem Ansehen der Muslime schaden und zu Verfolgungen führen können – Natürlich hat er aber nicht die Toten beklagt und aus reinem Selbstzweck vor Nachahmungstaten abgeraten. (Das Video befindet sich auf seiner Facebookseite)

Und als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, nutzen Rechte und Rassisten die Anschläge für ihre eigenen Zwecke. So behauptet beispielsweise Jürgen Elsässer, einer der Typen von PEGIDA, dass nach diesen Anschlägen jeder, der gegen PEGIDA ist, die Gräber der Toten beschmutzen würde. Plötzlich entdecken die rechten Hetzer ihre Liebe und Verbundenheit zur „linken Lügenpresse“ (Tatsächlich ist das Satiremagazin, dessen Mitarbeiter getötet wurden, linksgerichtet). Und wer jetzt meint, dass die eben nicht so radikal seien und Leute umbringen würden wollen, der lese nur einmal die Kommentarspalten auf den entsprechenden Seite und unter den entsprechenden Artikeln diverser Berichte über PEGIDA auf Facebook. Jedenfalls wurden schon in dieser Nacht bewaffnete Anschläge auf Moscheen in Frankreich verübt und die führende Rechtsextreme in Frankreich, Marie Le Pen, forderte heute bereits die Todesstrafe und damit einen gesellschaftlichen Rückschritt um mehrere Jahrhunderte.

Wer nun sagt, dass aber PEGIDA die einzige Bewegung sei, die sich gezielt gegen Islamismus wendet (Wer meint, dass sich PEGIDA ja auch nur dagegen richte, der lese die erwähnten Kommentarspalten und schaue sich Berichte und Interviews über PEGIDA an), der irrt. Die Anti-PEGIDA-Proteste richten sich auch gegen religiösen Extremismus und wenn man mal genau hinschaut, unterscheiden sich in der Praxis die Meinungen von Salafisten und Rechtsextremen kaum. Das Frauenbild ist ähnlich (hier gibt es wohl noch die größten Unterschiede), gleich sind die Einstellung zu Homosexuellen, Andersdenkenden/Andersgläubigen und beide Gruppen sehen sich als Opfer der Medien, außer wenn die natürlich mal etwas berichten, das ihnen zufälligerweise Recht gibt, versteht sich 😉 Man sieht, dass es für Antifaschisten und aufgeklärte, tolerante Menschen genug Gründe gibt, gegen beides zu sein. Nur können wir zwischen radikalen und friedlichen, gemäßigten Muslimen unterscheiden. Vielleicht liegt das daran, dass in Dresden, wo PEGIDA am stärksten ist, kaum Muslime leben, mit denen man Kontakt haben könnte 😉

Und wer übrigens behauptet, dass der Islam nicht zu Europa gehöre, der schaue doch bitte auf den Balkan und nach Südosteuropa, wo Muslime seit Jahrhunderten, überwiegend friedlich leben, wenn man den Balkankonflikt jüngsten Vergangenheit berücksichtigt, der eher ethnisch als religiös motiviert war, außer Acht lässt. Falls da draußen noch Leute sind, die trotzdem meinen, dass der Islam dort nur von den Osmanen aufgezwungen wurde, den möchte ich auf die Herkunft des Christentums hinweisen.

Wer jetzt noch sagt, dass aber nur islamistische Terroristen so brutal vorgehen, den möchte ich gerne an den NSU und ganz besonders gern an Anders Behring Breivik erinnern, der 2011 siebenundsiebzig Menschen, darunter zum Großteil Jugendliche, erschossen hat. Und der Mann bezeichnete sich selbst als Christen und Rechtsextremen. Es gab das richtige, entsprechende Echo in den Medien, aber es sind nicht Tausende auf die Straße gegangen, um gegen Rechtsextremismus und christliche Fundamentalisten zu demonstrieren, wahrscheinlich weil christliche, rechtsextreme Gewalt zu unserer vorbildlichen Abendlandkultur gehört, oder der „besorgte Bürger“ in so einem Fall zwischen radikalen und gemäßigten Christendifferenzieren kann – Was wohl bei Muslimen für den aufgeklärten Mitteleuropäer schwieriger zu sein scheint. Und wer aus den Taten einiger Radikale auf die gesamte, religiöse Gruppe schließen möchte, den will ich an das Christentum im Mittelalter erinnern.

Meiner Meinung nach sollten wir uns eben aber genau an diesem „norwegischen Weg“ im Umgang mit solchen Extremisten und auch Kanada wurde in den letzten Monaten Opfer mehrerer islamistischer Anschläge. Dort wurde kurz nach der Erschießung eines Soldaten vor dem Parlament ein Videoprojekt von Kunststudenten gemacht. Sie verkleideten einen ihrer Kommilitonen als „klassichen“ Muslim und ließen ihn (natürlich nur gespielt) von einem anderen Kommilitonen an einer Bushaltestelle rassistisch vollpöbeln. Das Experiment musste nach kurzer abgebrochen werden, weil ein Passant dem vermeintlichen Rassisten die Nase gebrochen hatte.

Und in diesem Geiste sollten wir, meiner Meinung nach, die Toten vom 07.01 ehren, indem wir eben nicht den Extremisten das geben, was sie eigentlich wollen, nämlich Angst und die Aufgabe unserer Freiheiten und pluralistischen Werte. Wir sollten die Toten als unsere Märtyrer sehen, als Märtyrer für eine freie und offene Gesellschaft, in der jede Person ohne Angst leben kann und vor allem so leben kann, wie sie es möchte.

Zum Schluss möchte ich noch daran erinnern, dass unsere Freiheit hier keine Selbstverständlichkeit ist und sicherlich nicht das Produkt von rechtsextremen Gruppierungen, das auch blutig eben gegen genau diese erkämpft werden musste. Daher will ich diesen Beitrag mit zwei Paragraphen (1 und 4) aus aus dem 20. Artikel des Grundgesetz schließen:

1.“Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“

4. „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“

 

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