[Blogroman – Death Desert] Kapitel 3 – Flucht

Noch bevor sie die Tore des Palastes erreichte, hatte Xarela es aufgegeben die Fresser zu zählen, die sie getötet hatte. Überall an ihrem Körper spürte sie das warme, nasse Blut und dessen bereits getrocknete Kruste. Sie musste aussehen wie eine der alten elfischen Kriegsgöttinnen aus den Sagen, als ihr Volk noch in Wäldern lebte. Obwohl das Leder ihrer leichten Rüstung gut gearbeitet war, hatte es sich stellenweise mit dem roten Lebenssaft vollgesogen und scheuerte unangenehm auf ihrer Haut. Sie entledigte sich dem schwerer gewordenen Ledertop, das sowieso nicht Arme und Beine schützte. Die Hauptangriffspunkte der Fresser, das hatte die Elfin bereits gelernt. Sie hetzte durch den Palastgarten und griff einfach jeden an, der auf sie zu kam und ließ die in Ruhe, die wegliefen. Am Tor stand keine einzige Wache, was sie in all den Jahren noch nie erlebt hatte. Die ganze Stadt schien zu schreien und von der Straße aus konnte sie sehen, dass es mindestens ein Dutzend Brandherde allein in den umgebenden Straßen gab. Man würde sicherlich versuchen Effariel aus der Stadt heraus zu bringen. Sie konnte sich kurz orientieren und durchatmen, da wohl niemand versuchte Hilfe im Palast zu suchen und die meisten Diener würden aus dem Haupteingang geflohen sein, der auf der anderen Seite lag. Der nächste Stadtausgang war im Osten. Dazwischen lag ein Viertel, das hauptsächlich von Zwergen bewohnt war. Das war aus zwei Gründen gut. Zum einen war dieses Volk von Natur aus wehrhaft, und selbst wenn sie gebissen werden würden, wären sie keine schnellen Läufer. Die Elfenkriegerin lief parallel zur hohen Palastmauer, um wenigstens von einer Seite gedeckt zu sein.

Kurz vor dem Zwergenviertel kam ein Orkmädchen aus einer Seitenstraße gerannt, das von mehreren Fressern verfolgt wurde. Sie entschied sich zu ihrem Glück in Richtung Xarelas zu laufen. Die Verfolger waren ein Mensch und ein Ork. Ihre Gesichter waren blutverschmiert und in den Augen leuchteten Wahnsinn und pure Mordlust. Die Elfin lief der Verfolgten entgegen, ließ den Speer fallen, zog das Schwert und enthauptete den massigen Ork mit den großen Hauern, der das Mädchen schon fast gepackt hatte. Im selben Schwung fuhr sie dem etwas kleineren Mann dahinter mit dem Schwert von schräg oben durch das Schlüsselbein. Mit einem leisen Aufschrei trat sie den Körper weg, um ihr Schwert wieder freizubekommen, das sich zwischen den Rippen eingeklemmt hatte. Das Mädchen, das bei genauerem Hinsehen auf der Schwelle zur Frau stand, war stehen geblieben und hatte sich das Spektakel angeschaut. Aus den gelben Augen der Orkin sprach Angst, aber auch ein berechnender Verstand. Xarela fragte sie: »Wo ist deine Familie?« Orks waren ihren Familien normalerweise sehr verbunden und die Ahnenverehrung war fester und wichtigster Bestandteil ihrer Religion.

»Ich weiß es nicht.«, stammelte das Mädchen und erzählte weiter mit einer etwas abwesenden Stimme: »Ich bin aufgewacht, als ich etwas zersplittern hörte. Dann Schreie und Schritte unter mir. Als ich die Tür aufmachte, sah ich meinen Bruder die Treppe hochrennen und sein blutverschmiertes Maul. Ich warf schnell die Tür zu und kletterte aus dem Fenster. Auf der Straße war der Mensch und mein…«ihr stockten kurz die Worte »mein Vater.«

Wäre sie ein Mensch, Elf oder Zwerg gewesen, hätte sie bei den letzten Worten und den Blick auf dem Orkleichnahm wohl geweint, aber Orks weinten nicht. Xarela wusste nicht, ob sie es nicht konnten oder es ihnen aberzogen wurde, aber sie hatte noch nie einen Tränen vergießen sehen. Das Mädchen hatte Glück, dass ihre Rasse so gut im Dunkeln sehen konnte, sonst hätte sie die Gefahr sicherlich nicht rechtzeitig einschätzen können.

Xarela fragte mitfühlend: »Wie ist dein Name?«

»Toschka«

»Gut Toschka, du kommst mit mir. Halte dich hinter mir.«

Xarela zog ein unterarmlanges, schlankes Messer aus ihrem Stiefel und gab es der jungen Frau, die damit ihr Schlafhemd bis kurz über das Knie abschnitt, um besser laufen zu können. Sie würden ihr unbedingt noch andere Kleidung besorgen müssen, aber offensichtlich war die kriegerisch-pragmatische Veranlagung ihrer Art nicht an Toschka vorbeigegangen. Die Elfin steckte das Schwert wieder zurück in die Scheide und packte entschlossen den Speer.

Im Zwergenviertel wurde wie erwartet gekämpft, aber es gab weniger Feuer und Schreie als in den Gebieten, die sie bisher durchquert hatten. Die Handwerker und zwergische Selbstverteidigungsmiliz schienen die Lage einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Auf den Flachdächern standen die nicht Wehrfähigen in Sicherheit und schauten ihren Verwandten dabei zu, wie sie in kleinen Gruppen die Fresser niedermachten. Da die Fresser nicht sprachen, konnten sie den Patrouillen des kleinen Volkes recht schnell davon überzeugen, dass sie keine Gefahr waren. In den Straßen des Zwergengebietes musterte man sie misstrauisch, aber nicht mehr als es sonst die Art dieses Volkes gegenüber anderen Rassen war. Plötzlich sprach sie eine dröhnende Stimme von hinten an. Die beiden Frauen drehten sich um und sahen einen schwerbewaffneten Zwerg, der nicht aus dieser Stadt stammen konnte, wie man an seiner blassen Haut sah. Zudem trug er viel schwerere Rüstungen, als es für seine hiesigen Artgenossen üblich und in dem heißen Klima sicherlich praktisch war.

»Hey, wo wollt ihr hin?«, fragte er in Richtung der Elfin gewandt.

»Aus der Stadt raus.«, antwortete die Elfin.

»Sehr gut, ich komme mit!«

»Weshalb?«

»Weil ich es muss. Ich kann kämpfen, das sollte euch als Grund reichen! Mein Name ist übrigens Forgolax, Sohn des Forgolosch, der wiederum Sohn des berühmten Forgoron ist!«

Die Elfin stützte sich halb amüsiert, halb misstrauisch auf ihren Speer und musterte das bärtige Gesicht: »Und warum bist du dann nicht allein gegangen?«

»Weil ich mich hier nicht auskenne und meine Brüder und Schwestern ihre Heime verteidigen wollen.«, druckste er ein wenig rum und polterte dann schnell weiter, als wenn ihm eingefallen wäre, dass er seine Art verteidigen müsste: »Was natürlich richtig so ist. Aber hier ist nicht meine Heimat. Ich war nur auf der Durchreise und will jetzt wieder in mein Heim in den Schwarzbergen!«

Die Elfin grinste immer mehr, aber Toschka schaute nur ausdruckslos in der Gegend herum, war in Gedanken noch bei ihrer Familie. Xarela hielt den Zwerg für feige, aber sprach den Gedanken nicht laut aus. Wenn es hart auf hart käme, würde er schon kämpfen.

»Gut, gehen wir!«, sagte sie schließlich. Zu dritt marschierten sie in Richtung des Stadttores. Ein Zwerg war zwanzig Fuß vor ihr gestürzt und ein draunischer Fresser hing schon über ihm und hatte sich in den Kettenstulpen des gestürzten festgebissen. Xarela warf ihren Speer und nagelte den verwandelten Schlangenmenschen an die Häuserwand neben ihm. Der gerettete Zwerg bedankte sich überschwänglich bei ihr, während die Elfin den Speer aus der gekalkten Wand zog. Sie hatte aber keine Augen für den Geretteten. Am Ende der Straße hatte sie eine Traube der elfischen Palastwächterinnen in Richtung des Tores abbiegen gesehen.

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