Schwimmbad-Diaries

Ja, ich habe es endlich getan, beschlossen mich wieder sportlich zu betätigen. Nachdem ich in meinen Teenagerjahren fit wie ein Turnschuh war, habe ich mich mit Anfang des Studiums sehr gehen lassen. Das Fahrradfahren ergab für mich keinen Sinn mehr mitten in der Großstadt und mit Laufen hatte ich noch nie etwas anfangen können, also war und ist Schwimmen das Mittel der Wahl. Da jedoch die beiden zentralen Schwimmbäder in Kassel zugemacht haben, scheute ich mich zunächst in das etwa abseits gelegene, neu eröffnete und relativ teure Bad zu gehen. Durch Zufall war ich diesen Monat dort und konnte mir ein Bild davon machen, dass der Busanschluss ganz ok ist und die Preise…naja, man kann 3€ für 1,5h schlechter ausgeben. Außerdem ist so ein bisschen Bewegung ja nicht nur körperlich gut, sondern fördert auch die geistige Kreativität, es ist also eine Investition in die Zukunft. Nach einigen Bahnen stellte sich die Kreativität ein, die sich vor allem meine Mitschwimmer als Interessensschwerpunkt herausgesucht hätte und die mein analytischer Verstand gleich in Kategorien einteilte. Jene Beobachtungen will ich euch nicht vorenthalten.

Die Ommas

Die Ommas sind sicherlich eine feste Institution zu jeder Tag- und Nachtzeit in einem Schwimmbad. Ommas treten mindestens zu zweit auf und reden ständig miteinander. Egal, ob sie am Beckenrand stehen oder im Zeitlupentempo durch das Becken treiben. Ihr größter Feind ist der Sportler.

Der Sportler

Ich rede hier eindeutig nur von der männlichen Form, da sich sein Verhalten teilweise stark von der Sportlerin abhebt, zu der ich noch später kommen werde. Der Sportler ist vor allem an den unförmig und farblich unstilvollen Badeanzügen zu erkennen. Dazu trägt er eine Schwimmbrille und verschiedene, seltsame Schwimmutensilien wie Handflossen und Badekappe(Ja so einen hatte ich heute), was ihn äußerlich stark von dem Triathleten unterscheidet. Der Sportler schwimmt meistens nicht, er pflügt durch das Wasser. Er sieht nicht nur aus wie der Bauer des Wassers, er benimmt sich auch so. Dabei kommt es ihm nicht unbedingt auf die Geschwindigkeit an, sondern darauf, dass er einen möglichst schönen Stil hat und jeder seine breite Brust und dicken Arme sieht, mit denen er unermüdlich auf das Wasser eindrischt. Wer ihm nicht aus dem Weg geht, hat selbst Schuld, aber glücklicherweise hört und sieht man ihn schon von Weitem. Dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass schon viele Ommas von einem Sportler versenkt worden sind.

Die Sportlerin

Die Sportlerin unterscheidet sich schon einmal rein äußerlich vom Sportler, dass sie farblich hübschere Badeanzüge trägt. Im Gegensatz zu ihrem männlichen Pendant, ist sie eine ruhige Schwimmerin. Leise gleitet sie exakt an den Außenlinien des Beckens entlang. Sie verteidigt ihre Bahn dadurch, dass sie einfach rasend schnell ist und damit omnipräsent auf ihrer Bahn. Spätestens wenn man zwei mal von ihr auf einer Bahn überholt wurde, weiß man, dass man sich zu verziehen hat. Ein weiterer Unterschied zum Sportler ist, dass man relativ wenig von ihr sieht, alle weiblichen Reize versteckt sie sorgsam unter der Wasseroberfläche und schwimmt Runde um Runde Furchen in ihre Bahn.

Der Triathlet

Der Triathlet ist ein wenig wie der Sportler, aber cooler und sozial verträglicher. Mindestens ein Tattoo und Glatze scheinen zu dieser Berufung zu gehören. Entspannt und elegant pflügt er zwar auch auf männliche Art und Weise durch das Wasser, aber bei ihm hat das Stil und er hat immer Augen für die Umgebung, denn er ist es gewohnt auch in Seen und im Meer zu schwimmen, wo er immer ein Auge auf gefährliche Tiere und heiße Mädels haben muss. Er weiß, dass er hart ist und will auch, dass es alle wissen. Deswegen macht er auch regelmäßig Pausen, nicht weil er es nötig hätte, sondern um sich seines Publikums zu vergewissern.

Der späte Aufreißer

Der späte Aufreißer ist zwischen 40 und 60. Im Wasser erkennt man ihn an seiner miserablen Schwimmtechnik. Heute hatte ich ein Exemplar, dass die Sache mit dem an der Luft einatmen und im Wasser ausatmen etwas falsch verstanden hatte. Er holte laut Luft und steckte dann den Kopf unter Wasser, schwamm aber nicht weiter, sondern erst, als er nach einigen Sekunden wieder den Kopf über Wasser gemacht hatte. Regelmäßig wechselt er mit eingezogenem Bauch und rausgestreckter Brust zwischen Sport- und Wellnessbecken, um möglichst viel Aufmerksamkeit von potentiellen Paarungspartnerinnen zu ergattern.

Der Schwimmkurs

Der Schwimmkurs ist ein Phänomen für sich, ein Gebilde aus drei verschiedenen Gruppen, die sich gegenseitig bedingen. Wir hätten zum einen natürlich den Schwimmlehrer. Der Schwimmlehrer erinnert optisch stark an den Triathleten, ist aber nicht tätowiert und trägt nicht zwangsweise eine Glatze, ist aber ansonsten auch attraktiv und sportlich, muskulös gebaut. Als nächstes kommen die Kinder, dazu muss man nicht viel sagen, die sind halt so, wie sie sind. Wie es die Natur so will, werden Kindern natürlich von Frauen geboren, wo wir bei der dritten Gattung des Komplexes „Schwimmkurs“ wären. Jeder Schwimmkurs hat mindestens zwei Muttis. Die Muttis sind zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig und vermutlich alleinerziehend. Sie sitzen nach außen hin teilnahmslos in hübschen, rückenfreien Badeanzügen (Ganz wichtig wegen der Schwangerschaftsstreifen) am Rand, aber innerlich sind sie hellwach. Hauptsächlich beobachten sie den hübschen Schwimmlehrer und träumen von einem Leben mit diesem sympathischen, jungen Mann, der ja offensichtlich so nett und einfühlsam ist und auch so gut mit Kindern kann. Geld würde für sie natürlich dabei keine Rolle spielen, seitdem sie den gut bezahlten Bürojob haben, nachdem sie wegen der Schwangerschaft ihre Karriere als Punk-Rock-Gitarristin aufgeben mussten. Nebenbei erfreuen sie sich natürlich auch an den Fortschritten ihres Nachwuchses 😉

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Eine Antwort zu Schwimmbad-Diaries

  1. Tinka Beere schreibt:

    Herrlich 😀

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