Reise in den Osten [Reisebericht]

Folgend die Erzählung des Schriftgelehrten Ben, wie er im Jahre des Herrn 2014 in den wilden Nordosten Deutschlands reiste und dabei von seiner Gefährtin Tinka begleitet wurde.

„Am Tag der Abreise wachten wir schon in aller Früh auf. Nicht nur weil wir wussten, dass eine große Reise bevorstand, nein, es war auch der Ehrentag meiner hochgeliebten Gefährtin. Kurz nach dem Aufwachen beglückte ich sie daher mit meinen Gaben und da wir bereits so früh erwacht waren, konnte sie sich an ihren Geschenken noch reichlich erfreuen.

Nach dieser kleinen Geburtstagszeremonie setzten wir uns in Bewegung und nahmen die Bahn in Richtung Bahnhof. Dort angekommen, zeichnete sich ab, dass wir zumindest einen Teil der Strecke mit marodierenden Horden aus dem südlichen Hessenland verbringen würden, die zwecks eines Raubzuges auf dem Weg nach Magdeburg waren. Als wenn dieses Stadt nicht schon genug im Dreißigjährigen Krieg durchgemacht hätte! Zu allem Überfluss bestand Tinka auch noch darauf sich durch die Hooliganhorden zu drängeln, um einen passablen Sitzplatz zu erreichen, den wir auch, nach einer Menge Flüche seitens der wilden Südhessen, die ich natürlich geflissentlich ignorierte, bekamen. So war dieser erste Teil der Reise dann doch sehr erbaulich und ruhig, zu mal ein bald verabschiedeter Junggeselle im Hühnerkostüm Schnaps und Eier feilbot. Eben jener musizierte dann auch am Schluss der Etappe mit einem jungen Mann, der eine Ukulele mit sich führte. Indes nutzte ich die Zeit und las zur erbaulichen Einstimmung für den Aufenthalt im Osten einen Reisebericht über Nordkorea.

Im südlichen Sachsen-Anhalt stiegen wir dann in den nächsten Zug. Die kurze Wartezeit nutzte Tinka wiederum, um die Fußballfreunde aus Frankfurt, die in den selben Zug steigen sollten, weiter mit Seifenblasen zu provozieren.

Wir stiegen am anderen Ende des Zuges ein, dennoch schwappte die Flut der Fußballfans auch über uns herein, sodass wir zwar saßen, aber doch recht unbequem in einer engen Atmosphäre. Immerhin schüchterte die wilde Horde einen in der Nähe sitzenden Neonazi mit Paarungspartnerin und Brut so stark ein, dass er doch recht bald das weite suchte. Jedoch war das Ritual, was der Austreibung folgte, nicht so anregend. Sie begannen ihr mitgebrachtes Rauchwerk zu entzünden, was aufgrund der Enge und teilweise geschlossenen Fenster doch recht unangenehm wurde. Diese unschöne Reiseetappe dauerte eine ganze Weile und glücklich stürzten wir aus dem Zug in Magdeburg, wo wir uns erst einmal im Gasthaus „Zum Goldenen M“ einkehrten, uns stärkten und die Wartezeit überbrückten. In Magdeburg traf ich ein recht homogenes Bild der einheimischen Bevölkerung an. Die Frauen trugen bunte und kurzgeschnittene Haartrachten, während die Männer zum Großteil kahl rasiert waren und einen Habitus an sich hatten, dem ich der rechten Szene zuordnete. Insgesamt hat Magdeburg nicht den allerbesten Eindruck bei mir hinterlassen. Am Bahngleis erfuhren wir dann, dass wir überraschenderweise einen Bussatzverkehr in Stendal nehmen sollten. Also fuhren wir dorthin in einem stickigen Zug, während meine Laune langsam zu sinken begann. Diese sank noch tiefer, als wir dann dort erfuhren, dass wir noch eine Stunde auf den Bus warten müssten, da zwar die Züge jede Stunde führen, aber die Busse am Wochenende nur alle hundertzwanzig Minuten. Langsam begann das erwartete Bild des Ostens sich zu zeigen und mit dem beschriebenen von Nordkorea in Einklang zu kommen. Durch diese Änderung war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass wir erst zwei Stunden später ankämen. Dazu kam, dass die Landschaft der einer bepflanzten Tischtennisplatte gleichkam, die mir, der bewaldete Hügel gewohnt ist, natürlich Unbehagen bereitete. Meine Laune kam an ihren Tiefpunkt, als ein kleiner Reisebus ankam, der zwei Zugladungen voll aufnehmen sollte. Eingepfercht mit drei Kinderwagen tuckerten wir dann eine Stunde lang durch den Landkreis Stendal, um zwanzig Kilometer zurückzulegen. Mit einem Drahtesel wären wir schneller gewesen. Als wir dann nach Brandenburg kamen, änderte sich die Landschaft wie meine Laune wieder zum Guten. Es gab Hügel und der Bahnreiseverkehr funktionierte wieder. Auch sahen die Leute wieder normal aus, so sah ich in Wittenberge wieder erste Punks, für mich ein Symbol der Hoffnung aus Jugendtagen. Auch Mecklenburg-Vorpommern erfreute mich mit leichten, teilweise wilden Hügeln, die auch reichlich bepflanzt waren. Mit zweistündiger Verspätung trafen wir an unserem Bestimmungsort in der Nähe von Schwerin ein.

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