Der Henker

…Und so geschah es im Jahre zweihundertdreiundfünfzig, das Jahr von Rukullus dem Schlächter, der ein grausamer Tyrann, Mörderund Feind der Religion war, dass in Zeiten von größter politischer Unmoral, ein Mann, dessen Handwerk das Töten war, zum Zeichen für Hoffnung und Gerechtigkeit für alle guten und aufrechten Bürger wurde! Der Henker von Belhafen! Die Zahl derjenigen, die unter seinem Beil ihr Leben verließen, war nicht zu zählen! Doch eines Tages sollte er eine Frau hinrichten. Jedermann wusste von ihrer Unschuld! Jeder Mann! Jede Frau und jedes Kind wussten es! Und dennoch wollte der verfemte Dabulus als oberster Richter von Belhafen ihren Tod! Denn sein Herz war nicht erfüllt von Gerechtigkeit und der Liebe zu ihr! Nein! Es war kalt und schwarz vor Gier, Feigheit und Unzucht! So kam es, dass der perverse Wahrer des Rechts das arme, unschuldige Weib in infamster Weise beschuldigte, um seine eigenen schmutzigen Taten zu verschleiern. Jeder wusste auch, dass die Frau eine kleine Tochter, die noch zu jung zum Laufen war, hatte, und sie ohne ihre Mutter nicht überleben würde. Die Ungerechtigkeit war so himmelschreiend, dass die Männer der Stadt vor dem Kerker, Tag und Nacht, sich die Haare rauften und ihre Kleidung zerrissen, die Weiber weinten und die Kinder beteten! Doch alles Flehen half der frommen Frau nichts und so wurde sie zum Schafot gebracht, wo ihr das Haupt vom Rumpf geschlagen werden sollte.

Der Richter des Teufels las auf dem Richtplatz selbst die Lügen vor, die er ersonnen hatte, wollte er sich doch selbst an Früchten seiner Verderbtheit laben! Die Frau, schon an den Richtblock gebunden, erwartete ihren Tod demütig. Wissend, dass die paradiesische Ewigkeit im Tod auf sie warten würde. Der Henker holte mit seinem riesigen Henkerswerkzeug aus… Doch anstatt den Hals der Frau zu spalten, schlug er den des Richters entzwei, so dass sein Kopf in die Menge flog, die ihn in gerechter Tugend bis zur Unkenntlichkeit schändete. Der Scharfrichter indessen öffnete die Fesseln der Frau und half ihr in die Menge der Bürger zu flüchten. Die Frau wurde von den braven Bürgern der Stadt versteckt und führte den Aufstand gegen die verhasste Tyrannei an. Doch der gute Henkersmann wurde selbst in Fesseln geschlagen und auf dem Richtblock gemordet. Dort schwor er jedoch jedem, der andere vorsätzlich falsch beschuldigt, die er beschützen sollte, noch im Tode zu verfolgen! So wurde der heilige Henker zum Symbol für all jene, die zu Unrecht von den verderbten Mächtigen und Reichen beschuldigt werden!…“

  • gehört von einem Wanderprediger in den Straßen Schadrians

Das kleine Mädchen saß frierend am Straßenrand. Nur noch wenige Menschen waren um diese Uhrzeit auf den Straßen unterwegs. Ihre Lippen waren bereits blau vor Kälte, aber es war noch zu früh, um in die Schlafhalle für Obdachlos zu gehen. Also fügte sie sich in ihr Schicksal und versuchte noch etwas Geld oder Essen von den wenigen vorbeigehenden Passanten zu bekommen. Tatsächlich waren die wenigen Vorübergehendenrecht spendabel, was wohl an der bevorstehenden Nacht des Henkers liegen konnte, wo vielen die höhere Gerechtigkeit wieder in den Sinn kam.

Die Turmuhr in der Nähe schlug noch zweimal, bis die junge Frausich endlich erheben und zu ihrer Schlafunterkunft eilen konnte. Einsam, mit in den Taschen vergrabenen Händen, schritt sie zügig die dunklen Straßen entlang, während ihr karamellfarbenes Haar ihre Schultern umspülte, an dessen Enden sich schon erste Vereisungen zeigten. Bibbernd lief das Mädchen, das auf der Schwelle zwischen Kind und Frau stand, an einer Seitengasse vorbei, aus der sie Stimmen hörte. Sie blieb stehen und vernahm eine ärgerliche, bösartig klingende Stimme eines Mannes und eine leise, verzweifelte Männerstimme. Sie bog aus Neugier in den schmalen Weg ein. Die Stimmen waren noch viele Schritte entfernt und ob der Dunkelheit vermochte sie keine Details zu sehen. Plötzlich stieß einer der Männer einen lauten Schrei aus. Das Mädchen wandte sich zur Flucht um. Doch sie glitt auf einem glatten, gefrorenen Stein aus und prallte laut auf den Boden. Langsam rappelte sie sich wieder auf. Eine feste, starke Hand griff sie hart am Kragen. Der Griff war erbarmungslos und zwang sie sich umzudrehen. Sie blickte in kalte, erbarmungslose Augen, die zu einem Mann gehörten, der in feine Ausgehkleidung gehüllt war. Dann ertönte von der Hauptstraße her ein Pfiff, gefolgt von schweren Stiefeln, die in ihre Seitengasse einbogen. Mit einem heftigen Ruck wirbelte der Mann sie herum und warf sie hinter sich. Sie flog einige Meter weit und landete auf etwas Weichem und Warmen. Der Mann hinter ihr schrie plötzlich: „ Hilfe! Ein Mord!“.

Während die Wachen schnell näher kamen, rappelte sich das Mädchen langsam benommen auf und berührte im Dunkeln eine lauwarme Flüssigkeit. Als sich ihr Blick langsam klärte, sah sie, dass sie auf dem Körper eines Mannes gelandet war, der von einer Blutlache umgeben wurde, die noch in der kalten Luft dampfte. Sie war von oben bis unten mit dem roten Lebenssaft besudelt, während sie sich langsam zu dem Mann und den Gesetzeshütern umdrehte. Der Mann gestikulierte wild rum, redete auf die Männer ein und zeigte immer auf die junge Frau und den toten Mann. Die Wachen wirkten höchst unentschlossen, als ob sie dem Mann nicht wirklich glauben würden, aber keine Wahl hätten, als ihm zu gehorchen. Langsam klärten sich ihre Sinne wieder, sodass das junge Mädchen hören konnte, was der Mann sagte. Er beschuldigte sie am Mord an dem Mann neben ihr und den wohlhabenden Mann angegriffen zu haben. Der Edelmann wurde immer lauter und wütender, wodurch die beiden Wachen schlussendlich handelten. Einer der beiden kam langsam und vorsichtig auf sie zu.

„ Junge Frau, sie müssen uns in die Wachstation begleiten. Es wäre besser, wenn sie uns freiwillig folgten!“

Die junge Frau nickte nur wortlos, von den Ereignissen vollkommen überrumpelt und immerhin kam sie auch so ins Warme. Als sie an dem Reichen und der Wache vorbeikamen, die bei ihm geblieben war, murmelte der Wachmann: „ Herr, seid Ihr euch wirklich sicher?… Ihr wisst doch die Nacht des Hen…“

Sein Stammeln wurde von dem Wohlhabenden barsch unterbrochen: „ Abergläubischer Unsinn! Schafft dieses Monster hier weg! Ich muss zur Abendvorstellung!“

Die Wachen nahmen mit gesenktem Kopf das Mädchen in die Mitte und brachten sie zu ihrer Wachstation, wo sie die junge Frau einsperrten, aber nicht ohne ihr wenigstens eine warme Suppe gebracht zu haben. Die Tür schloss sich und die Heranwachsende war allein im Dunkeln.

Abendausgabe! Abendausgabe! Hinterhofmörderin letzte Nacht entflohen! Stadtrat Reyder tot in seinem Bett gefunden und seine Frau verschwunden!“

– gehört von einem Zeitungsverkäufer in Eisenstadt

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