Steuerflüchtling

„Noch zwanzig Minuten, dann bin ich endlich hier raus!“, ging es dem älteren Mann in dem beigen Mantel mantraartig durch den Kopf. Er schwitzte, was nicht an den Temperaturen lag. Er zog den grauen Hut etwas tiefer ins Gesicht, damit man die Schweißperlen auf seiner hochgewordenen Stirn nicht gleich sehen würde.

„Dass aufrechte Bürger wie ich dazu gezwungen werden ihr hartverdientes Geld ins Ausland zu schaffen, um noch etwas davon zu haben, ist schon eine Frechheit. Kann ich nicht mehr mit dem Geld anfangen und habe ich nicht mehr Anrecht auf mein Geld? Was machen sie denn damit? Sie bezahlen dafür überteuerter Militäreinsätze irgendwo in der Wüste, bauen unnütze Brücken und Ampeln an der hinterletzten Kuhkanne und werden das Geld Leuten in den Rachen, die keine Lust auf Arbeit haben. Was geht mich das an? Die sollten eher die Leute zum arbeiten zwingen, die keine Lust darauf haben und das Geld von der Armee für die Entlastung von Unternehmen benutzen, die dann mehr Leute einstellen können. Ist doch ganz logisch, aber nee, die da oben, die Politiker haben bestimmte Deals mit den Waffenhändlern und verraten dafür uns, den hart arbeitenden Mittelstand, der dieses Land aufgebaut hat. Und jetzt sitze ich hier im Zug mit einer Tasche voller Geld und muss mein gutes Geld in Sicherheit bringen. Was bleibt einem denn noch anderes übrig, wenn man im Alter noch was haben will?…“ Der Zug war nur noch wenige Minuten von der Grenze entfernt. Plötzlich hörte er laut die Tür des Waggons aufgehen, die nur wenige Meter hinter ihm war. Er drehte sich nicht um, schloss die Augen und tat so, als wenn er einfach seelenruhig schlafen würde. Eine schmale, aber kräftige Hand legte sich auf seine Schulter. „Würden Sie bitte Ihre Tasche öffnen?“

Sie hatte keine Lust mehr. War schon acht Stunden im Dienst und musste noch zwei weitere durch stickige, stinkende Züge laufen. Fünf Jahre war sie jezt bei der Bundespolizei und der anfänglichen Freude und Motivation etwas Gutes zu tun, war schnell Ernüchterung, Alltag und Verbitterung gewichen. Ständig die Kopfschmerzen von der schlechten, abgestandenen Zugluft, immer wieder dieselben ermüdenden Diskussionen mit der selben Art von Leuten. Aber immerhin war es noch besser als das, was sie in ihrer Kindheit hatte. Ihr Vater war abgehauen und ihre Mutter hatte gesoffen, nichts auf die Reihe gekriegt. Klar, das hört sich an wie im Film, aber aus Biographie wie ihrer zogen die Regisseure für Sozialdramen ihren Stoff. Sie hatte gar nicht so sehr ein Problem mit den Drogenschmugglern, meistens hatten die auch keine Wahl. Nein, was sie wirklich hasste, waren die Steuertouristen. Egoistische, selbstgerechte Arschlöcher, die nur an ihren eigenen Ruhestand auf Barbados dachten. Sie hatten immer dieselben Argumente: „Das Geld geht nur an die Asozialen, die Bundeswehr, für Stuttgart 21 und den Berliner Flughafen…drauf.“ Dass mit den Steuermitteln auch Schulen, Straßen und die Polizei bezahlt wurde, die für ihre Sicherheit sorgten und den wütenden Unterstand von ihnen fernhielt, das hatten sie nicht gesehen. Nun vielleicht war es dann doch eine Spur von Karma, dass eben diese Polizisten sie dann doch durchsuchten und ein wenig Gerechtigkeit herstellten. Sie selbst würde heute nicht hier stehen ohne die Arbeit von Lehrern und Streetworkern, die eben auch mit Steuergeldern bezahlt wurden. Wahrscheinlich wäre sie auch Alki geworden oder auf dem Strich gelandet. Sie hatte den Waggon durchquert und in ihrem Halbschlaf, der mit bitteren Gedanken und Kopfschmerzen gewürzt war, nichts Auffälliges gesehen. Eine Hand war immer am Griff ihrer Waffe, auch als sie mit einem kräftigen Ruck die Tür öffnete und den nächsten Wagen betrat. Sie sah gleich den Mann, viertletzte Reihe, Sonntagshut und beiger Mantel. Er war ganz auf seiner Tasche zusammengesunken, aber hatte die Augen geschlossen. So schlafen keine alten Leute. Ihre freie Hand legte sich auf seine Schulter: „ Würden Sie bitte Ihre Tasche öffnen?“

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